betrayed

Bist du jemals von jemandem, den du sehr geliebt hast, betrogen worden? Hast du je das Gefühlt gehabt, dass jemand, dem du vertraut hast, dir dein Herz herausgerissen und es geschreddert hat? Das ist das Bittere am Betrug: Er schmerzt vor allem deshalb so sehr, wenn wir jemanden lieben und ihm vertrauen. Wenn wir die Leute nicht lieben und ihnen vertrauen würden, würden wir den Schmerz des Betrugs nie fühlen. Dann würden wir allerdings auch nicht die Freude der Liebe und den Trost des Vertrauens erfahren. Es ist halt ein bittersüßes, zweischneidiges Schwert.

Wenn wir Teile der Tora durchlesen, vergessen wir manchmal leicht, dass es Gottes Wort ist, das wir da lesen und nicht die Bild-Zeitung. Diese Woche beschäftigen wir uns mit dem dritten Patriarchen und die Parascha Wajeze gibt uns einen Überblick auf das etwas niederträchtige Leben des Jaakov (Jakob). Nachdem er seinen Vater und seinen Bruder betrogen hatte, floh Jaakov zu seinem Onkel Laban. Doch anstatt einen sicheren Hafen zu finden, wird der Betrüger selbst verraten und Jaakov hat auf einmal zwei Frauen, Rachel und Leah, von denen er eine noch nicht einmal wollte! Jaakov bekommt jedoch seine Rache, indem er von seinem Onkel flieht und mit dessen Reichtum entkommt. Eine Geschichte, die einer modernen Seifenoper würdig wäre.

Doch hinter den verschlungenen Ereignissen von Jakobs Leben liegt eine wichtige Lehre, was das Vertrauen anbelangt. Es ist fast so, als gebe es zwei Parallelgeschichten, die die Parascha dieser Woche durchziehen: Die Geschichte von Verrat und mangelndem Vertrauen der Menschen und die Geschichte eines treuen Gottes. Vielleicht ist der Grund, warum Jakobs schändliches Leben uns so ausführlich geschildert wird der, dass uns etwas Tieferes gezeigt werden soll. Vielleicht ist die Geschichte doch keine zweite Seifenoper…

Es ist aufregender, wenn man nicht weiß, wie sich die Geschichte wenden wird.

Ich schaue mir nicht oft Filme an, aber wenn ich es tue, mag ich die Handlungen, die nicht vorhersehbar sind. Es ist aufregender, wenn man nicht weiß, wie sich die Geschichte wenden wird. Als Jaakov seine Familie verlässt und auf die Reise geht, glaubt man schnell, dass Gott ihn verlassen hat. Und ehrlich gesagt: Warum auch nicht? Jakob hatte seinen Vater und Bruder betrogen und verraten und verdiente es, von Gott abgelehnt zu werden. Doch stattdessen erleben wir, dass Gott tatsächlich hingeht und Jaakov eine Vision von sich selbst und dem Himmels gibt! Und noch mehr: Gott nimmt sich dieses Verräters an und macht ihm eine unglaubliche Verheißung: „Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ (Bereshit / 1. Moses 28, 15). Darüber hinaus erfahren wir, dass Gott während bei Jaakov bleibt, in dessen Zeit des Exils und die Gebete seiner Frauen erhört. Trotz Jaakovs Verrat verrät Gott ihm die richtige Zeit, um zu seiner Familie zurückzukehren (31, 3) und dann erscheint er sogar Laban, um die Sicherheit von Jaakov zu gewährleisten, da sein Onkel Mordgedanken hegt (31, 29). Unsere Parascha endet so, wie sie begann: Gott erscheint Jaakov, um ihn wissen zu lassen, dass er auf dem richtigen Weg ist. (32, 1-2).

Jaakovs Geschichte lässt uns fragen, warum Gott zu einem solchen Schuft so gut war? Warum belohnte Gott Jaakovs Treulosigkeit mit Treue? Seine Geschichte widerspricht all dem, was wir alle normalerweise von Gott annehmen (wenn wir an einen Gott glauben): Er belohnt doch eigentlich die „guten Leute“ und bestraft „die schlechten“. Nun, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es komplizierter als das.

Vielleicht haben wir nicht betrogen oder gestohlen, aber wir haben sicher jemanden verletzt, beleidigt oder sogar jemanden verraten.

Die Geschichte von Jaakov ist eigentlich die Geschichte von uns allen: Ob wir es mögen oder nicht und ob wir es zugeben würden oder nicht, es steckt in jedem von uns ein kleines Stück vom Schuft Jaakov. Vielleicht haben wir nicht betrogen oder gestohlen, aber wir haben sicher jemanden verletzt, beleidigt oder sogar jemanden verraten. Vielleicht haben wir viel Schlimmeres gemacht, wie mein israelischer Freund, der mit Drogen und Verbrechen zu tun hatte und in einem Gefängnis in Israel landete. Was immer wir getan haben: Das Unglaubliche ist, dass Gott gar nicht daran interessiert ist, uns einfach so aufzugeben, gerade so, wie er Jaakov nicht aufgegeben hatte. Und genau wie er immer wieder nach Jaakov gesucht und über ihn gewacht hatte, hat Gott das auch für uns getan und tut es immer noch. Tatsächlich liebt Gott uns so sehr, dass er seinen Sohn, den Messias Jeschua, gesandt hatte, um den Preis für all die Schurkereien zu bezahlen, die wir verbrochen haben und um in unserem Namen sterben. Um es anders auszudrücken: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass der Messias für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5, 8)

Man kommt dabei leicht zum falschen Schluss, ganz wie es Jaakov am Ende unserer Parascha tut: Am Ende von Wajeze ist klar, dass Jaakov zwar Gottes helfende Hand erkennt, dass er sich aber immer noch auf seine eigenen billigen Tricks verlässt, um durchzukommen. Offenbar hält er Gottes unglaubliche Liebe und Geduld für selbstverständlich. In der Parascha der nächsten Woche, dringt Gott schließlich zu Jaakov durch – buchstäblich. Gott musste Yaakov in eine Position bringen, in der er so schwach war, dass er sein Bedürfnis nach dem Gott erkennen musste, der derjenige war, der ihm die ganze Zeit geholfen hatte. Gott liebte Jaakov so sehr, dass er nicht nur die ganze Zeit über ihn wachte, sondern ihn auch veränderte, sodass er sich auf ihn verließ und seine Schurkereien aufgab. Und Gott macht das bei uns genauso: Der Tod des Messias und seine Auferstehung sind so konzipiert, dass wir erkennen, dass wir, wie Jaakov, Schurken sind, die Hilfe von außen brauchen. Wir brauchen Hilfe, um uns zu verändern, genau wie Jaakov verändert wurde, koste es, was es wolle.

Ich frage mich, welches Bild du von Gott hast. Vielleicht denkst du, dass er weit entfernt ist und sich nicht für dich interessiert. Vielleicht hast du das Gefühl, dass er eine ziemlich starke Abneigung gegen dich hegt. Vielleicht hast du das Gefühl, dass du im Leben völlig gescheitert bist und dass er dich nie akzeptieren würde, weil du so ein Schuft gewesen bist. Was auch immer du denkst, es gilt immer noch die Krux: Es gibt die gute Nachricht, dass Gott bereit ist, uns anzunehmen, egal in welchem Zustand wir sind. Der Messias ist für uns gestorben; Gott wartet nur darauf, dass wir anerkennen, dass wir ihn brauchen und ihn bitten, uns zu verzeihen. Aber er liebt uns viel mehr, als dass er uns in dem Schurkenzustand belassen würde. Wenn wir unser Vertrauen in den Messias setzen, ändert Gott unsere Herzen, um ihm zuzuhören und ihm folgen zu wollen. Gott unterscheidet nicht zwischen „guten“ und „bösen“ Menschen, da wir allesamt im Prinzip schlechte Menschen sind! Mit den Worten Jesajas, des Propheten: „So wurden wir alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wir sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsre Sünden tragen uns davon wie der Wind. Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, dass er sich an dich halte; denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und lässt uns vergehen unter der Gewalt unsrer Schuld“ (Jesaja 64, 5-6, Hervorhebung hinzugefügt). Autsch!

Wir können die gute Nachricht nicht ohne diese schlechte Nachricht haben. Die Botschaft des Messias ist eine Botschaft für Schurken. Unabhängig davon, ob du betrogen wurdest oder selber betrogen hast, wartet Gott darauf, dir zu vergeben und dir ein neues Leben zu geben. Es ist die ultimative zweite Chance, die wir alle brauchen. Warum sollten wir da nein sagen?