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Verfasst von Aaron Lewin

Die helfende Hand

„I get by with a little help from my friends!“ (Ich komme klar, mit ein wenig Hilfe meiner Freunde). Dies besagt die berühmte Zeile aus einem Beatles-Song.

„I get by with a little help from my friends!“ (Ich komme klar, mit ein wenig Hilfe meiner Freunde). Dies besagt die berühmte Zeile aus einem Beatles-Song. Und John Lennon und Paul McCartney haben völlig recht: Es zahlt sich wirklich aus, gute Freunde zu haben, die einem helfen können. Es ist besonders Klasse, Freunde in hohen Positionen zu haben, einflussreiche Leute, die dir helfen können, das zu bekommen, was du brauchst. Ob es sich darum dreht, einen Elektriker zu kennen, der deine Lampe kostenlos repariert, oder einen Freund, dessen Vater ein Hotel besitzt: Beziehungen können uns gegenseitig Vorteile sichern. Und wer ist dafür nicht dankbar?

Die Parascha dieser Woche, Wajischlach, ist die letzte der Trilogie mit Bezug auf das Leben des Jaakov (Jakob). Ab der nächsten Woche gehen wir dann zum nächsten über und schauen uns das Leben Josefs an, seines berühmtesten Sohnes. Doch bevor wir dies tun, müssen wir einmal unsere Jaakov-Studien beenden, und sehen, wie aus dem „Schuft“ dann Israel wurde – der „Fürst Gottes“, oder genauer: „einer, der mit Gott kämpft“. Und diese Angelegenheit ist ziemlich spannend!

Jaakov ist davon überzeugt, dass Esau kein freundliches Wiedersehen plant und will Maßnahmen ergreifen.

Letzte Woche verließen wir Jaakov, als er eine weitere Vision Gottes hatte, auf der Flucht weg von seinem Onkel Laban. Diese Woche bekommt Jaakov plötzlich eine Botschaft, die ihm sein entfremdeter Bruder Esau bringen lässt – mit vierhundert Mann! Jaakov ist davon überzeugt, dass Esau kein freundliches Wiedersehen plant und will Maßnahmen ergreifen. Er schickt ein Geschenk nach dem anderen an Esau, um ihn für sich zu gewinnen, aber es scheint nutzlos zu sein. Esau versucht immer noch, mit Jaakov zusammenzutreffen. Jaakov bekommt Angst und verteilt seine riesigen Reichtümer über mehrere Lager, um dann erschöpft die Nacht alleine zu verbringen und das Zusammentreffen mit seinem Bruder am nächsten Tage vorzubereiten. Und doch ist er nicht alleine: Ausgerechnet in dieser Nacht und zu dieser Zeit begegnet Jaakov einem Fremden und er verbringt die Nacht damit, mit ihm zu kämpfen. Nicht gerade die ideale Vorbereitung für den sicheren Tod am Morgen! Der Fremde, der sich als himmlischer Bote entpuppt, bricht schließlich Jaakov, indem er ihn am Schenkel verwundet und ihn dann verlässt. Jaakov bereitet sich darauf vor, seinem Bruder entgegenzutreten.

Ich frage mich oft, warum Gott beschlossen hat, Jaakov in dieser Nacht zu brechen. Schließlich brauchte er in dieser Nacht aller Nächte Trost oder gar Stärkung. Vielleicht bestrafte Gott ihn für alle seine schuftigen Taten, die er bis zu diesem Punkt verbrochen hatte? Oder vielleicht liebte Gott Jaakov so sehr, dass er beschloss, ihm die wichtigste Lehre seines Lebens in der bedeutendsten Nacht seines Lebens zu lehren: Die der Abhängigkeit.

Vielleicht mehr als jede Generation vor uns schätzen wir im Westen die Unabhängigkeit. Sie ist tief in den Stoff unserer Gesellschaft eingewoben, sei es durch maßgeschneiderte Entertainment-Pakete oder auch die Idee der demokratischen Wahl einer Regierung. Wir wollen wählen – wir wollen, was wir wollen – und wir wollen nicht, dass irgendjemand uns diese Unabhängigkeit entzieht. Unsere Gesellschaft lobpreist Persönlichkeiten, die alleine stark sind und nicht die Unterstützung anderer brauchen.

Während wir es gern haben, stark und unabhängig zu sein, erkennen wir zugleich unser inneres Bedürfnis nach anderen. Der Begriff der Freundschaft basiert letztlich auf dem Konzept der Interdependenz – dass man sich gegenseitig braucht. Wenn wir in dieser Welt überleben oder sogar gedeihen wollen, müssen wir gesunde Beziehungen haben. Aus diesem Grund bricht Gott Jaakovs Schenkel. Bis zu diesem Punkt kam Jaakov ziemlich gut alleine zurecht – zumindest dachte er das. Durch Trickserei und Geschick war es ihm gelungen, reich zu werden, dem sicheren Tod zu entgehen und ein ziemlich gutes Leben zu führen. Aber diese Nacht war er am Ende angekommen: Gott wollte, dass Jaakov Esau traf, als er am schwächsten war, sodass Jaakov ein für alle Mal verstehen würde, dass es nicht seine List war, die ihm diesen ganzen Reichtum verschafft und ihn in seine Position gebracht hatte (vgl. Bereshit / 1. Moses 33, 11): Es war Gott!

Wir neigen dazu, den Einfluss Gottes auf unser Leben zu unterschätzen. Ich erinnere mich, wie ich als Junge dachte, dass Gott weit weg war und sicherlich nicht am Auf und Ab meines Lebens interessiert war. Ich sah ihn als Lehrer, der eine Prüfung überwachte – relativ passiv und desinteressiert, jemand, der meine Schummelei nicht sehen könnte, wenn ich mich nicht zu dumm anstellte. Er würde nur wütend werden, wenn ich etwas wirklich Schlechtes tun würde.

Doch das ist nicht der Gott, von dem wir in der Bibel lesen.

Doch das ist nicht der Gott, von dem wir in der Bibel lesen. Der Gott, von dem wir in der Bibel lesen, interessiert sich nicht nur für sämtliche Aspekte unseres Lebens, sondern ist auch in der Lage, die Geschehnisse der Welt zu lenken und Weltgeschichte zu schreiben. Immer und immer sehen wir in der Geschichte von Jaakov, wie Gott dazwischenfunkt, um Jaakov Erfolg zu bringen. Schließlich erkennt Jaakov, als er seinem Bruder Esau gegenübersteht, dass es nichts mehr gibt, was er tun kann. Gott hat ihn gebrochen und er muss sich völlig auf Gott verlassen, dass sein Bruder ihn und seine ganze Familie nicht abschlachtet. Doch Gott hat das Esaus Herz in all den Jahren verändert: Statt der Rache sucht Esau nun Frieden. Jaakov überlebt; und mehr als das: Er ist verwandelt worden. Er ist zu der Erkenntnis gelangt, dass er Gott braucht und dass Gott immer für ihn da war und ihm den Weg bereitet hatte. In seinen eigenen Worten: „Lasst uns aufbrechen und nach Bethel ziehen, dass ich dort einen Altar errichte dem Gott, der mich erhört hat zur Zeit meiner Trübsal und mit mir gewesen ist auf dem Wege, den ich gezogen bin.“ (Bereshit / Genesis 35: 3)

Wir müssen selbst ebenso erkennen, dass wir Gott brauchen.

Wir müssen selbst ebenso erkennen, dass wir Gott brauchen. Vielleicht denkst du so über Gott, wie ich es für gewöhnlich tat. Vielleicht glaubst du gar nicht an Gott. Auf jeden Fall plädiere ich dafür, dass du einsiehst, dass du ihn brauchst, bevor es zu spät ist. Mir passierte das im Alter von 16 Jahren, als Gott mir offenbarte, dass ich viele falsche Dinge getan, gesagt und gedacht hatte und dass ich jemanden brauchte, der mir alles verzeihen würde. Ich erkannte, dass er der einzige war, der das konnte und dass der Messias Jeschua bereits die Strafe auf sich genommen hatte, die ich verdiente, in dem Augenblick als er starb und wieder auferstand. Zum Glück musste Gott mich nur innerlich brechen und nicht äußerlich wie Jaakov. Aber er musste meinen Stolz brechen, denn Stolz und Abhängigkeit passen nicht zueinander.

Als ich kurz danach auf mein Leben zurückschaute, konnte ich sehen, wie Gott im Hintergrund still durch die Ereignisse meines Lebens gewirkt hatte, um mich an diesen Punkt zu führen. Und seit ich zum Glauben an den Messias Jeschua gefunden habe, kann ich jeden Tag sehen, wie Gott hinter den Kulissen in den Ereignissen meines Lebens wirkt, um meine Abhängigkeit von ihm stetig zu vergrößern somit mein Vertrauen darauf, dass er mächtig ist und mein Leben verändern kann – und das Leben der anderen. Um es anders auszudrücken: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Römer 8, 28). Habe ich noch Probleme in meinem Leben? Ja, natürlich (so auch Jaakov – siehe Bereshit / 1. Moses 34)! Aber ich weiß jetzt, dass Gott selbst die Probleme nutzt, um das Gute herbeizuführen.

In diesen Tagen und unserer Zeit müssen wir die Lehre von Jaakov wieder schätzen lernen – die von der Abhängigkeit von Gott. Warum? Weil es wahr ist, dass wir selbst nichts Bleibendes leisten können. Wir brauchen jemanden im Hintergrund, der uns eine helfende Hand gibt, um seine Zwecke durch uns zu verfolgen. Warum sollten wir wie Jaakov mit ihm kämpfen? Täusche dich nicht darin zu denken, dass du ihm durch religiöse Rituale gefallen kannst oder dadurch, ein guter Mensch zu sein. Gib deinen Stolz und deine Selbstgerechtigkeit auf und komme zum Messias Jeschua! Akzeptiere sein Geschenk, die Schuld tilgen zu können, angesichts all des Unsinns, den du so getan hast – genau wie ich. Letztendlich lohnt es sich, Freunde in hohen Positionen zu haben.