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Verfasst von Rich Robinson

Über Hakhnasat Orchim (Gastfreundschaft)

Ich bin in New York City aufgewachsen, was damals bedeutete, dass ich (und unzählige andere Schüler) mit der Freiheitsstatue ebenso vertraut bin wie mit der eigenen Familie.

Ich bin in New York City aufgewachsen, was damals bedeutete, dass ich (und unzählige andere Schüler) mit der Freiheitsstatue ebenso vertraut bin wie mit der eigenen Familie. Was mich betraf, so fand ich immer, dass „Lady Liberty“ auf einer Cousine zweiten Grades basieren könnte. Irgendwann in der Grundschule lernte ich das Gedicht „Der neue Koloss“ von Emma Lazarus kennen. Ihr Sonett über die Einwanderung in die USA war etwa 20 Jahre nach dem eigentlichen Verfassen in eine Gedenktafel an der Statue graviert worden. Einer der bekanntesten Abschnitte des Lazarus-Gedichtes wurde mit einer Melodie von Irving Berlin vertont, die für meine junge Ohren damals eher wie ein mürrisches Klagelied klang:

„So schickt mir eure Müden, eure Armen, sie wollen Freiheit – Massen zum Erbarmen. Die elend Unerwünschten schickt, von vollen Küsten! Die Heimatlosen gebt, verweht vom Winde! Ich leuchte ihnen, dass das Tor man finde.“

Die Erwähnung der „elend Unerwünschten“ klingt furchtbar politisch unkorrekt nach heutigen Standards und veranlasste Jerry Seinfeld, den berühmten amerikanischen Komiker, zu bemerken:

„So schickt mir eure Müden, eure Armen, sie wollen Freiheit – Massen zum Erbarmen. Die elend Unerwünschten schickt, von vollen Küsten! Die Heimatlosen gebt, verweht vom Winde! Ich leuchte ihnen, dass das Tor man finde.“

Muss man genauer werden, wer „die elend Unerwünschten“ sind? Warum sagt man nicht einfach: „Gebt uns die Unglücklichen, die Traurigen, die Langsamen, die Hässliche, die Leute, die nicht Auto fahren können, die Probleme haben, sich einzufügen…?“

Was Emma Lazarus natürlich meinte, waren die „weniger Glückreichen“. Sie kam aus einer portugiesisch-jüdischen Familie, und in ihrer Dichtung spiegelte sich die jüdischen Tugend der Hakhnasat Orchim wider, die Gastfreundschaft oder das Willkommen-Heißen von Fremden – ob diese elend sind, schlechte Einparker oder sonst etwas.

Die Parascha-Lektion dieser Woche beginnt und endet mit je einer Geschichte über Abraham, und beide haben mit der jüdischen Tugend der Gastfreundschaft zu tun: Am Anfang haben wir eine Geschichte, die man unter der Überschrift „Abraham, der Gastgeber, der Gott warten ließ“ zusammenfassen könnte. Wann immer man jüdische Texte über Gastfreundschaft liest, trifft man auf diese Geschichte von Abraham und seine drei Gäste, aus 1. Mose 18, 1-8. Mit einem typisch nahöstlichen Touch verneigt sich Abraham, besteht darauf, dass die Gäste dableiben, beugt sich, um ihnen ihre Füße zu waschen (wenn man mit Sandalen unterwegs war, waren die Füße immer staubig, müde und schwielig) und lässt ihnen recht schnell eine Mahlzeit zubereiten. Wie ein Diener in Downton Abbey bleibt er ständig bei ihnen, um zu schauen, ob sie noch irgendetwas brauchen. Das Beharren, dass die Gäste dableiben und eine Mahlzeit mit einnehmen, gibt es bei den Juden bis heute.

Wann immer man jüdische Texte über Gastfreundschaft liest, trifft man auf diese Geschichte von Abraham und seine drei Gäste, aus 1. Mose 18, 1-8.

Die jüdische Tradition interpretiert die biblische Erzählung so, dass sie die Bedeutung der Gastfreundschaft betont – nur um sicherzugehen, dass wir es auch verstehen. Abraham, so hören wir, war gerade dabei, mit Gott zu sprechen („der Herr erschien Abraham“) als die Gäste kamen („Abraham blickte auf und sah drei Männer“). Die Gastfreundschaft war so wichtig, dass Abraham nach dieser Interpretation Gott beiseite schob und ging, um sich um zu seinem Besucher zu kümmern: „Einen Augenblick eben, Gott, ich habe grad Gäste.“ Wenn man den Rest der Geschichte liest, wird klar, dass Gott nicht wirklich sich selbst überlassen wurde – die Tatsache, dass Abraham drei Männer sah, erklärt, wie Gott dem Abraham erschien (einer oder mehrere der Besucher scheinen Gott selbst oder ein Engel / mehrere Engel gewesen zu sein). Aber die alternative Lesart betont, wie wichtig die Hakhnasat Orchim wirklich ist: Wir können Gott durchaus bitten, Platz zu nehmen und zu warten, während wir uns um unsere Gäste kümmern – zumindest laut dieser Tradition. Um die Dinge einmal ganz unjüdisch zu formulieren: in der jüdischen Tradition ist Abraham zum „Schutzheiligen“ der Gastfreundschaft geworden.

Am Ende der Parascha findet sich die Geschichte von Abraham, wie er voller Gehorsam gegenüber Gottes Gebot seinen Sohn Isaak als Opfer darbietet, aus 1. Mose 22, 1-18. Beziehungsweise, wie ihn fast opferte, denn im letzten Augenblick packt Gott seine Hand und präsentiert ihm einen Widder als Opfergabe an Stelle von Isaak. Diese Geschichte – in der jüdischen Tradition auch bekannt als die Akeda oder „das Binden“ von Isaak – hat auch mit Gastfreundschaft zu tun, zumindest mit einem Aspekt des Gebens. Denn wie man beim Lesen der Passage merkt, beschwert sich Abraham nie gegenüber Gott, er zankt nicht, gibt keine Widerworte; er tut nur das, was Gott verlangt. Man kann argumentieren, dass Gott Abraham ja auch eine Vielzahl von Nachkommen durch Isaak versprochen hatte, und dass Abraham somit wusste, dass er die Sache lange nicht dabei belassen würde. So sagt Abraham an einer Stelle, als Isaac fragt, wo denn eigentlich das Lamm für das Brandopfer ist, ganz schlicht, dass Gott schon für ein Lamm sorgen werde. Die Akeda ist jedes Jahr zu Rosch Haschanah (dem jüdischen Neujahr) Grund für zahlreiche Diskussionen, wenn sie in der Synagoge vorgelesen wird, wobei man herausfinden, ganz genau erörtern und analysieren will, da eigentlich los war. Mindestens eins tritt dabei immer in den Vordergrund: Abraham war bereit, seinen eigenen Sohn aufzugeben, wenn es das ist, was Gott wirklich verlangte. Die Bereitschaft zu geben, wie es Abraham tat, gibt der jüdischen Tugend der Hakhnasat Orchim ihre Macht.

Und so sind sich die beiden Geschichten ähnlich: Abraham, der freundliche Gastgeber, Abraham, der bereitwillige Geber.

Der berühmte jüdische Maler Marc Chagall malte beide Szenen1, doch seine Darstellung der Akedah ist besonders auffällig: Sein Gemälde, namens „Die Opferung des Isaac“, zeigt Abraham mit erhobenem Messer, als Isaac auf dem Altar festgebunden ist. Der Engel des Herrn ist im Begriff, mit seiner Hand dazwischenzufahren; der Widder hat sich mit seinen Hörnern in einem Busch verfangen. Unerwartet ist Chagalls Einblendung oben rechts: Jeschua trägt das Kreuz, von dem es rot heruntertropft auf Abraham und Isaak. Chagalls Interpretation von Jeschua, den er in einer ganzen Reihe von Bildern malte, war die eines jüdischen Märtyrers. Aber ehrlich gesagt ist die Brit Chadasha (das Neue Testament), die fast ausschließlich von Juden verfasst wurde, ohnehin ein sehr jüdisches Buch. Als Abraham bereitwillig seinen Sohn opfern wollte – „dein einziger Sohn, den du liebst“, sagt die Bibel, können wir nicht umhin, an eine Stelle im Brit Chadascha zu erinnern, die besagt: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Jochanan / Johannes 3, 16) Und als Abraham seinen drei Gästen bereitwillig diente, lesen wir, dass Jeschua – unter Verwendung seines Lieblingsbegriffs, mit dem er sich auf sich selbst bezieht – sagt: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“

Nun, das ist ein Vorbild für echte Hakhnasat Orchim!

  1. https://www.wikiart.org/en/marc-chagall/abraham-and-three-angels-1966; https://www.wikiart.org/en/marc-chagall/the-sacrifice-of-isaac-1966