father
Verfasst von Aaron Lewin

Vaterfigur

„Ich bin doch nicht von gestern!“ Das habe ich nicht nur einmal gehört, sondern wohl schon tausendmal.

„Ich bin doch nicht von gestern!“ Das habe ich nicht nur einmal gehört, sondern wohl schon tausendmal. Als Kind hatte ich oft versucht, Alternativen zu den Plänen meiner Eltern vorzuschlagen oder kam sogar mit listigen Ideen an, um meinen eigenen Willen zu bekommen. Die Antworten, die ich dann jedes Mal aufs Neue hörte, erinnerten mich daran, dass meine Eltern sehr viel mehr Lebenserfahrung als ich hatten. Beim bloßen Hören dieser Wendung fühlte ich Frust, ein Gefühl, das jedoch seitdem verpufft ist – und ich wende sie nun sogar ähnlich bei meinen eigenen Kindern an! Den sprichwörtlichen Schuh musste ich mir nun selbst anziehen.

Gott, der gute Vater und Schöpfer, gab uns mehr als das, was wir brauchen…

Wir bewegen uns langsam auf das Ende des Buches Dewarim zu (das 5.Buch Mose). Die Parascha Ha’asinu besteht wiederum aus nur einem Kapitel (32), und der größte Teil des Kapitels ist ein Lied, das Mosche unser Volk lehrte. Wenn du denkst, dass es sich um so etwas wie einen Pop-Song aus den Charts handelt, liegst du allerdings falsch. Es gibt keine „Oohs“ und „Aahs“, oder einen einfachen Refrain: Stattdessen gibt es 43 Verse, die von Blut, Gewalt und unserer Beziehung zu Gott handeln. Mosche zeichnet unsere Beziehung als eines Kindes zu seinem Vater nach (siehe 32,18-20). Gott, der gute Vater und Schöpfer, gab uns mehr als das, was wir brauchen, und doch beschlossen wir, sein Volk, ihn zu verleugnen und anderen Göttern oder Götzen zu dienen, von denen wir glaubten, dass sie uns Erfüllung und Sinn geben würden (siehe 32: 15-17). Wir sind wie ein rebellisches Kind, das die Lebenserfahrung seiner Eltern ignoriert; wir dachten, wir wüssten es besser und wollten alles alleine machen.

Vor dreieinhalb Jahren, als ich Vater wurde, erkannte ich, dass das alles härter werden würde, als ich dachte. An diesem Punkt erkannte ich, dass dieses kleine Baby, das da in meinen Armen lag, die Macht hatte, mir enorme Freude ebenso wie schweren Kummer zu bringen, komme was wolle. Wenn sie und ich eine gute Beziehung aufbauen und pflegen würden, so war gewiss, dass sie mir viel Glück bringen würde und umgekehrt. Aber wenn etwas mit ihr oder mit unserer Beziehung passieren würde, so war ebenso gewiss, dass mein Herz gebrochen werden würde. Nun, wo sie älter wird, hat meine Erfahrung meine ersten Gedanken bestätigt.

Ich begann plötzlich zu verstehen, warum mein Vater dies und das gesagt und getan hatte…

Die Vaterschaft Gottes kann ein verwirrendes und schmerzhaftes Konzept sein – besonders für diejenigen, die schlechte Menschenväter hatten. Persönlich habe ich erst begonnen, es zu verstehen, als ich Vater wurde. Plötzlich musste ich mir den Schuh selber anziehen und ich war nicht mehr nur das Kind von jemandem. Jetzt war ich der Vater von jemandem. Jetzt sah ich die Dinge aus einer anderen Perspektive. Ich begann plötzlich zu verstehen, warum mein Vater dies und das gesagt und getan hatte. Aber vor allem begann ich zu verstehen, warum Gott so sprach und handelte, wie Er es tut. Das ist nun mal so, weil er unser Vater ist.

Die Geschichte der ganzen Tora – eigentlich sogar der ganzen Schrift – ist, dass Gott sich ein Volk auswählt, um es zum Segen für den Rest der Welt zu machen, damit alle anderen Ihn durch dieses kennenlernen würden. Gott machte sich selbst zum Vater über unser Volk. Von Anfang an ernährte und kümmerte Er Sich um Abraham und uns, dessen Nachkommen, ebenso wie ich mich um meine Tochter kümmere. Gott hielt unsere Hand auf unserem Weg durch die Wüste, so wie ich die Hand meiner Tochter hielt, als sie gehen lernte. Er gab uns Essen und Trinken und sorgte dafür, dass unsere Kleidung nicht verschliss, genau wie ich bei meiner Tochter. Es musste ihm ganz schön weg getan haben zu sehen, dass wir verleugneten, nach all dem, was Er für uns getan hatte. Ich würde wohl entsetzlichen Schmerz fühlen, wenn meine Tochter sich später auch so verhalten würde. Und so beginne ich, Gottes Herz zu verstehen. Und ich beginne, Seine Wut und Seine Sorgen zu verstehen, und Seine Strafen, die dazu erdacht wurden, uns zu Ihm zurückzubringen. Am allermeisten bekomme ich aber so Einblick in Seine Liebe zu uns.

Er sandte seinen Sohn, Jeschua, den Messias, um für die Sünden unseres jüdischen Volkes und für die ganze Welt zu sterben…

Wenn du ein Kind hättest, das in die Irre läuft, würdest du nicht alles tun, um es zurückzubekommen? Gott würde es tun. Er sandte seinen Sohn, Jeschua, den Messias, um für die Sünden unseres jüdischen Volkes und für die ganze Welt zu sterben, um uns zu Ihm zurückzubringen. Und Jeschua erhob sich von den Toten, um die Macht zu brechen, die die Sünde über uns hatte. Gott war bereit, den ultimativen Preis zu zahlen, wegen seiner ultimativen Liebe für uns. Durch den Propheten Jirmejahu / Jeremia versprach Gott, einen Neuen Bund mit unserem Volk zu schließen (siehe 31, 31-34), in dem wir Ihn kennen würden. Bei dem er uns die Kraft gab, Ihm zu gehorchen und Ihn zu lieben, wie ein Kind seinen guten Vater liebt.

Vielleicht hattest du keinen guten Vater. Vielleicht erschien dir Gott immer an dir uninteressiert zu sein (im günstigsten Fall) oder darauf aus zu sein, dir dein Leben zu zerstören (im schlimmsten Fall). Vielleicht erscheint Er dir weit weg zu sein, unwillig oder unfähig, einmal einzugreifen. Doch nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt! Gott, dein Vater, wartet geduldig und sehnt sich danach, dass du umkehrst und zu Ihm zurückzukehrst! Er hat nie aufgehört, dich zu lieben, egal wie weit du von Ihm weggelaufen bist. Denn Er selbst ist die Liebe.

Rosh ha-Schana und Jom Kippur sind gekommen und gegangen; Sukkot rollt gerade an. Jetzt ist es Zeit, über dieses Jahr einmal nachzudenken und den richtigen Blick zu bekommen. Der Blickwinkel ändert die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Oft sind wir so damit beschäftigt, das Leben aus unserer eigenen Sicht zu sehen, dass wir die Perspektive Gottes nicht einmal in Erwägung ziehen. Wäre es nicht gut, während dieser hohen Feiertage einmal einen Perspektivwechsel durchzuführen? Was wäre, wenn Gott ein liebevoller Vater wäre, der nur darauf wartet, uns willkommen zu heißen, wenn wir sein Erlösungswerk durch den Messias annehmen? Willst du nicht einmal herausfinden, ob da etwas dran ist? Wenn ja, dann frag Ihn einfach! Du kannst damit anfangen, indem du ihn, „Vater“ nennst!