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Verfasst von Rich Robinson

Von Generation zu Generation

Im Programm „Photos“ in meinem MacBook habe ich Bilder von mehreren Generationen meiner Familie.

Im Programm „Photos“ in meinem MacBook habe ich Bilder von mehreren Generationen meiner Familie. Auf der Seite meines Vaters stammen wir aus Rumänien. Ich habe ein Porträt meines rumänischen Urgroßvaters, dessen ursprünglicher Name Rivenzon war, der irgendwann auf merkwürdige Weise in Robinson geändert wurde. Die Seite meiner Mutter (genannt Schachere oder Sachere) ist aus Bialystok, ging von dort nach Paris (Frankreich), den Ort, mit dem sich die meisten Verwandten identifizierten. Vor kurzem kam ich in Kontakt mit einer Cousin dritten Grades aus diesem Zweig der Familie, die Studentin ist, beide von uns begierig, mehr über unsere Geschichte herauszufinden.

Der hebräische Ausdruck l’dor vador – auf Deutsch „von Generation zu Generation“ – ist in jüdischen Kreisen zum geflügelten Wort geworden.

Der hebräische Ausdruck l’dor vador – auf Deutsch „von Generation zu Generation“ – ist in jüdischen Kreisen zum geflügelten Wort geworden. Er drückt aus, wie wichtig es ist, das Judentum und die jüdischen Werte an die Kinder weiterzugeben, von dort an die Enkel, Urenkel und immer weiter.

Die Parascha-Lektion dieser Woche beginnt mit dem Tod und der Beerdigung von Abrahams Frau Sarah und fährt mit der Geschichte fort, wie Abraham seinen Diener ausschickte, um eine Ehefrau für seinen Sohn Isaac zu finden. Die eine Frau aus der einen Generation verlässt die Geschichte, eine andere aus einer neuen Generation kommt hinzu – es war Rebekka.

An diesem Punkt beschäftigt sich Abraham mit der Wichtigkeit der Weitergabe der richtigen Werte an seine Nachkommenschaft. „Ich will dich schwören lassen bei dem HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du meinem Sohn keine Frau auswählst, die hier aus dem Land Kanaan stammt“, sagt er seinem Diener (1. Mose 24, 3). Noch lange bevor Gott versuchte, Israel vor der dem Geist und dem Götzendienst der Kanaaniter zu schützen, wollte schon Abraham nicht, dass seine Schwiegertochter Kanaaniterin war. Dies könnte zwar aus einfachen ethnischen Gründen geschehen sein, doch wusste er wohl auch, dass die Weitergabe seines Glaubens an Gott beeinträchtigt werden könnte, wenn Isaac „wegverheiratet“ wird. Auf alle Fälle scheint Rebekkas Bruder Laban den Gott Abrahams zu kennen, als er dem Diener sagt und dabei den echten Namen Gottes benutzt: „»Komm herein zu uns!«, rief Laban. »Du bist von dem HERRN gesegnet. Warum bleibst du draußen? Ich habe schon alles herrichten lassen, und auch für die Kamele ist Platz!«“ (1. Mose 24, 31). So enthält diese Parascha einen Hinweis darauf, dass Abraham die Bedeutung von l’dor vador erkannte*, und es wird angedeutet, dass Rebekkas Familie Abrahams Glauben anerkannte oder sogar teilte.

Wie wir von einer anderen Stelle im 1. Buch Moses wissen, versprach Gott Abraham, daß er eine ganze Nation von Nachkommen zeugen würde.

Wie wir von einer anderen Stelle im 1. Buch Moses wissen, versprach Gott Abraham, daß er eine ganze Nation von Nachkommen zeugen würde. Dieses Versprechen wurde gegenüber Isaak und dann Isaaks Sohn Jakob wiederholt. Von Abraham, Isaak und Jakob stammt das jüdische Volk ab. Und vielleicht, ohne es zu wissen, schickt Rebekkas Familie sie zu Isaak mit diesem Segen: „Du, unsere Schwester, werde zu tausendmal Tausenden! Deine Nachkommen sollen siegreich sein und das Tor ihrer Feinde besetzen!“ (1. Mose 24, 59) Sie wussten nicht, dass sie Gottes Versprechen an Abraham bestätigten.

Die Bibel betont jedoch stets nicht die Zahl der Nachkommen, sondern die Übertragung der Werte nach unten durch die Generationen:

2. Mose 13,14 besagt (über die Zeremonie der Erlösung des erstgeborenen Sohnes): „Wenn dein Sohn dich künftig fragt, was das bedeutet, dann sollst du ihm sagen: »Jahwe hat uns mit starker Hand aus dem Sklavenhaus von Ägypten herausgeführt«.“

5. Mose 6, 20-21 (über die Gesetze der Tora): „Wenn dich morgen dein Sohn fragt: »Was sind das für Gesetze, Vorschriften und Rechte, die der HERR, unser Gott, euch geboten hat?«, dann sollst du deinem Sohn sagen: »Sklaven waren wir, Sklaven des Pharao in Ägypten. Doch Jahwe hat uns mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt«.“

5. Mose 6, 6-7 (aus dem Schma Jisrael): „Und die Worte, die ich dir heute verkünde, sollen in deinem Herzen sein. Präge sie deinen Kindern ein und rede davon, ob du in deinem Haus bist oder unterwegs, ob du dich hinlegst oder aufstehst.“

Auch das Neue Testament führt dieses Verständnis fort:

Epheser 6: 4 (in einem Brief an die Anhänger Jesu): „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, sondern erzieht sie nach den Maßstäben und Ermahnungen des Herrn.“

Das Neue Testament in die Diskussion mit einzuführen, wirft aber für viele Juden ein Problem auf: Vermitteln jüdische Jesus-Gläubige noch jüdische Wertegeneration an die nächste Generation? Wie funktioniert l’dor vador für jüdische Menschen, die sich dazu entschieden haben Jesus zu folgen?

Vielleicht findet sich die Antwort hier: Laut der traditionellen Zählung gibt es 613 Gebote in der Tora. Doch Hillel der Große, der im Jahrhundert vor Jesus lebte, bot an, einen Zuhörer die ganze Tora zu lehren, während er auf einem Fuß stand. Was lehrte er? „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andren zu. Der Rest ist nur Kommentar. Gehe hin und lerne.“ (Hillels „böser Zwillingsbruder“, sozusagen, der strenge und harte Schammai, soll denselben Mann mit einem Stock geschlagen haben.)

In den Jahrhunderten nach Jesus lehrte ein Rabbi, dass Mose Israel 613 Gebote gegeben hatte, aber David sie auf zehn reduziert hatte.

In den Jahrhunderten nach Jesus lehrte ein Rabbi, dass Mose Israel 613 Gebote gegeben hatte, aber David sie auf zehn reduziert hatte. Dann ging Jesaja noch einen Schritt weiter und konzentrierte sie in zweien. Schließlich destillierte der Prophet Habbakuk laut demselben Rabbi alle 613 Gebote in einem Gebot: „Der Gerechte lebt durch seinen Glauben.“ (Habakuk 2: 4).

Im Einklang mit dieser langjährigen jüdischen Denkweise, reduzierte Jesus die 613 Gebote auch zwei Gebote, die beiden, dass man Gott lieben solle und seinen Nächsten.

Markus 12, 28-31: „Einer der Gesetzeslehrer hatte ihrem Streitgespräch zugehört und bemerkt, wie treffend Jesus den Sadduzäern antwortete. Nun trat er näher und fragte ihn: »Was ist das wichtigste Gebot von allen?« »Das wichtigste«, erwiderte Jesus, »ist: ‚Höre Israel! Der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr.’ Und du: ‚Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand und mit all deiner Kraft!’ An zweiter Stelle steht: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!’ Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden«.“

Es gibt aber eine Frage: Was, wenn der Glaube an den liebenden Gott bei einem Juden zum Glauben an Jesus als den Messias führt? Was ist, wenn die Liebe zu unserem Nächsten wie uns selbst bedeutet, dass wir ihn auch zum Glauben an Jesus einladen? Wären das nicht Dinge, die durch die Generationen weitergegeben werden sollten?

Als Sarah starb, endete eine Generation. Als Rebekka die Bühne betrat und zu Isaaks Frau wurde, konnte Abrahams Glaube weitergeben werden. Wir Juden, die Jesus folgen, wollen sagen: Wenn Jesus der Messias ist, dann sollte der Glaube an ihn ein Teil der Überlieferung des Jude-Seins und der jüdischen Werte sein. L’dor vador. Möge es immer so sein.

* Auch wenn dieser Ausdruck selbst nicht in der Bibel verwendet wird.