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Jemals wieder?!

Ein Schock war es zwar, aber eine große Überraschung war es nicht.

Nach dem Angriff auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo stürmte ein moslemischer Terrorist einen koscheren Pariser Supermarkt und brachte vier jüdische Kunden um.[1] Dieser Angriff war lediglich das neueste Glied einer ganzen Reihe von Verbrechen, die in letzter Zeit aus Judenhass verübt worden sind. Dazu gehören auch die Ermordung von Kindern an einer jüdischen Schule in Toulouse[2] und die Ermordung von vier Besuchern des Jüdischen Museums in Brüssel.[3] Wie ein Echo der Vergangenheit, das kalte Schauer über den Rücken jagt, ließen sich im Laufe des Gaza-Konflikts vorigen Sommer Protestierende bei Demonstrationen in Deutschland mit dem Sprechchor hören: „Schickt die Juden ins Gas!“[4]

2014 veröffentlichte die Anti-Defamation League (ADL) [Anti-Diffamierungs-Liga, Anm. d. Übers.] einen Bericht darüber, in welchem Maße die Bevölkerung bestimmter Länder antisemitische Einstellungen hegt. In West- und Mitteleuropa lagen die höchsten Prozentsätze in Polen (45% der Bevölkerung); Ungarn (41%); Frankreich (37%); Österreich (28%); und Deutschland (27%).[5]

Warum dieser beständige Hass auf uns Juden? In seinem Buch „Constantine’s Sword“ äußert der ehemalige katholische Priester James Carroll, ein Großteil oder sogar die Gesamtheit der Schuld liege am Vermächtnis der antisemitischen Kirchenlehren. Carroll sagt, seit nunmehr 1900 Jahren sei die Verunglimpfung der Juden durch die Christen „die Quelle des Antisemitismus“.[6]

Aber es ist zu einfach, die Schuld bloß auf die „Christenheit“ abzuschieben. Versuche zu unserer Ausrottung gab es schon mindestens 1400 Jahre vor Beginn der christlichen Ära, als der ägyptische Pharao befahl, alle männlichen Babys der Hebräer zu ertränken. Und der heutige Antisemitismus muslimischer Extremisten wurzelt in gar keiner Form des Christentums, sondern im islamischen Dschihad.

Wie also können wir dem Antisemitismus einen Sinn abgewinnen? Wo finden wir seine Wurzel?

Verfolgungspolitik: Ein hässlicher Aufmarsch

Das Motiv, aus dem der Pharao uns verfolgte, wird im 2. Buch Mose ganz klar genannt. Im Interesse der nationalen Sicherheit machte er uns zu Sklaven und wollte unser Bevölkerungswachstum kontrollieren, indem er unsere neugeborenen Söhne in den Nil werfen ließ. Sklavenarbeit und systematische Vernichtung: ganz eindeutig ein Vorläufer der „Endlösung“ – und zwar lange, bevor das Christentum auf die Bühne trat.

Im Buch Esther ist verzeichnet, wie uns Haman im 5. Jahrhundert v. Chr. auszurotten versuchte. Sein Grund: Er war beleidigt, weil Mordechai sich nicht vor ihm niederwerfen wollte! Antiochus IV. Epiphanes verbot die Beschneidung, entweihte mit einem Schweineopfer den Jerusalemer Tempel (168 v. Chr.) und ließ Juden umbringen, die sich der griechischen Lebensweise nicht anpassten. Und die Barbarei Roms – sowohl 68 bis 70 n. Chr. als auch beim Bar-Kochba-Aufstand im 2. Jahrhundert – entsprach schlicht und einfach der römischen Reaktion auf jedes unterjochte Volk, das es wagte, sich gegen die römische Herrschaft zu erheben.

Dann wurde es noch schlimmer. Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum im Römischen Weltreich zur Staatsreligion. Die Verbindung zu den jüdischen Ursprüngen des Glaubens wurde nicht nur gekappt; sie ging völlig verloren. Alles „Jüdische“ wurde als Rivale des offiziellen Glaubens angesehen.

Auftritt der Schrei: „Die Juden haben Christus ermordet!“

Im Frühmittelalter gilt das Judentum bereits als völliger Gegensatz zum Christentum, und „die Juden“ gelten als die Alleinverantwortlichen am Tod Jesu. Seit Jahrhunderten bildet die Anklage des „Gottesmordes“ eine Grundströmung für einen Großteil gewisser Ereignisse, von päpstlichen Edikten über die Kreuzzüge und die Inquisition bis hin zu den Blutlügen und Pogromen.

In diesem allen liegt ein groteskes Paradoxon. Hass auf das jüdische Volk ist eine krasse Herausforderung an alles, was Jeschua (Jesus) gelehrt hat, was Jesus getan hat und was Jesus für sein jüdisches Volk empfunden hat (und heute immer noch empfindet).

Darüberhinaus besteht auch ein grotesker Widerspruch. Die Anklage des Gottesmordes gegen uns Juden verrät, wie fundamental die essenzielle Wesensart der Evangeliumsbotschaft missverstanden wird. Im Herzen dieser Botschaft steht die Überzeugung, dass jeder Mensch (ob Jude oder Nichtjude) ganz persönlich für den Tod des Messias verantwortlich ist. Wenn man Jesus als seinen Heiland oder Retter bezeichnet, gibt man zu: Er hat für alle meine Sünden bezahlt – einschließlich der Sünde, Ihn ans Kreuz gebracht zu haben. Wer diese Wahrheit nicht versteht, hat die Bedeutung Seiner Hinrichtung absolut nicht erfasst.

Im Licht dieser Tatsache könnte man argumentieren: Die Gegenwart von Antisemitismus in der Kirche ist eine Messlatte dafür, wie unrichtig und unwirksam die echte Evangeliumsbotschaft jemals verkündet und aufgenommen worden ist. Waren „Christen“, die antisemitische Taten begangen haben, echte Gläubige? Allein schon die Wesensart ihrer Taten stellt die Aufrichtigkeit und Echtheit ihres Glaubens ernsthaft infrage.

Das neue Gesicht des Antisemitismus

Das 19. Jahrhundert erlebte den Aufstieg einer neuen Philosophie namens „Sozialdarwinismus“. Sie argumentierte, Darwins Gesetz der natürlichen Auslese könne auch auf den gesellschaftlichen Bereich angewandt werden. Unter dem Leitsatz „Überleben der Stärkeren“ erklärten Befürworter dieser Philosophie, warum gewisse gesellschaftliche Strukturen, Kulturen und Rassen sich über andere erheben würden. Das Nebenprodukt dieser Philosophie war der angeblich wissenschaftliche Glaube an die Überlegenheit der arischen Kultur und Rasse. Um diese Zeit taucht der Begriff „antisemitisch“ zum ersten Mal auf; und wie der Name schon andeutet, wurde Antipathie gegen uns Juden zu einer Frage der Rasse.[7] Dieser rassische Antisemitismus fand im Nationalsozialismus des Dritten Reiches sein Zuhause.

Wenn wir die Wurzel des Antisemitismus verstehen möchten, gilt es an dieser Stelle eine wichtige Unterscheidung vorzunehmen. Wir machen einen ernsten Fehler, wenn wir den Antisemitismus der Nazis schlichtweg für eine Fortsetzung der mittelalterlichen, kirchlich begründeten Feindschaft gegen uns Juden halten. Ja, die Nazis machten fleißig Gebrauch von dem religiösen Hass, der in Teilen der europäischen Kultur so tief Wurzeln geschlagen hatte. Aber laut Nazi-Ideologie gehörten Juden, neben Polen und Slaven zu einer „minderwertigen“ Spezies. Unsere Existenz war eine Vergiftungsgefahr für die Reinheit der arischen Rasse. Dementsprechend musste diese drohende Verunreinigung entfernt und vernichtet werden.

Wir sollten noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen dem Antisemitismus der Kirchendoktrin und dem Antisemitismus der Nazi-Ideologie beachten. Carroll erklärt: „Die Selbstbewusstheit der Christenheit hing von der fortgesetzten Existenz des jüdischen Volkes ab; dieses Volk stellte das negative Andere dar, gegenüber dem die positiven christlichen Ansprüche erhoben wurden.“[8] Während aber „christliche“ Antisemiten die Notwendigkeit unserer andauernden Existenz (wenn auch als Feinde) einräumten, trachteten die Nazis nach unserer Ausrottung.

 

Von Arafat über Mahmoud Ahmadinedschad zum IS

In neuerer Zeit ist Antisemitismus zur fundamentalen Ideologie der islamischen und arabischen Welt geworden. Nach dem 11. September behaupteten Verschwörungstheoretiker, die Angriffe auf die Zwillingstürme seien das Werk von Israelis und Juden. „Noch nie in der Geschichte des jüdischen Volkes hat sich eine einzelne entsetzliche Lüge über ‚jüdische Herrschaft‘ so schnell und mit solcher Macht ausgebreitet, dass sie nicht nur die äußersten Randbereiche, sondern auch die gebildete Elite gefesselt hat, vor allem in der muslimischen und arabischen Welt“, so der National Director der ADL, Abe Foxman.[9]

Der Ruf nach unserer Ausrottung ist zurückgekehrt. Es wird verlangt, Israel solle „ins Meer geworfen“ und „vom Angesicht der Erde weggewischt“ werden. Manche Menschen argumentieren, die sich in vielen europäischen Städten erhebende Welle der Gewalt sei lediglich ein Protest gegen Israels Politik gegenüber seinen palästinensischen Nachbarn und Bürgern. Der Aufschrei sei gar nicht antisemitisch, so das Argument, sondern antizionistisch. Aber bei den Demonstrationen in Deutschland und Frankreich während des Gaza-Konflikts 2014 richteten sich die Sprechchöre der Massen nicht gegen „Zionisten“, sondern gegen „die Juden“.

 

Die Wurzel finden

Was sollen wir also von diesem allen halten? Wo liegt die Wurzel des Antisemitismus wirklich?

Um Antworten zu finden, müssen wir uns mit einer Tatsache befassen: Antisemitismus ist nicht lediglich ein gesellschaftliches Übel, sondern geistlich Böses. Ist es uns unangenehm, von geistlichen Konzepten wie „Gut und Böse“ zu sprechen? Dem sollte nicht so sein. Das schiere Ausmaß der im Laufe unserer ganzen Geschichte gegen uns begangenen Verbrechen sollte uns aufrütteln und für die Tatsache sensibilisieren, dass hier mehr am Werk ist als menschlicher Hass. Die Grausamkeiten des Holocaust waren nicht bloß „falsch“. Sie waren böse.

König David verstand die geistliche Dimension, die unter den von ihm ausgefochtenen militärischen und geo-politischen Kämpfen verborgen lag:

 

Warum toben die Nationen und sinnen Eitles die Völkerschaften? Die Könige der Erde treten auf, und die Fürsten beraten miteinander gegen den HERRN und gegen Seinen Gesalbten [Messias] … Lasst euch zurechtweisen, ihr Richter der Erde! Dient dem HERRN mit Furcht, und freut euch mit Zittern! Küsst den Sohn, damit Er nicht zürnt und ihr umkommt auf dem Weg (Psalm 2,1-2.10-12).

 

Letzten Endes wurzelt Antisemitismus in dem bösen Versuch, Gottes Pläne zu vereiteln, durch die Er eine entfremdete und feindselige Welt zu sich zurückbringen will. Das Herz von Gottes Plan bildet der Gesalbte oder Messias – ein jüdischer Messias –, den David in seinem Psalm erwähnt. Der Messias sollte Sein Leben als Bezahlung für alle unsere Sünden hingeben; und Seine darauffolgende Auferstehung liefert den Beweis dafür, dass die von uns zu erbringende Schuld bezahlt ist. Die Bezahlung wird zu unserer eigenen, wenn wir unser „Toben“ gegen Gott einstellen und uns bereitwillig Seiner Herrschaft ergeben – wenn wir „den Sohn küssen“ [d.h. ihm Ehre erweisen].

Die Existenz des jüdischen Volkes ist zentral für die Durchführung dieses Planes; denn gemäß Seinem eigenen freien Entschluss hat Gott durch uns Juden die Heilige Schrift, den Messias und die Botschaft von Gottes Friedensangebot in die Welt gebracht. Wir Juden sind dazu auserwählt oder berufen, dieses Friedensangebot zu allen Nationen der Erde zu tragen: „Und nun, wenn ihr fleißig auf Meine Stimme hören und Meinen Bund halten werdet, so sollt ihr Mein Eigentum sein aus allen Völkern; denn die ganze Erde ist Mein; und ihr sollt Mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (2. Mose 19,5-6).

Das jüdische Volk hat schon immer Gegner gehabt, weil Gottes Pläne schon immer einen Gegner hatten. Die Heilige Schrift bezeichnet ihn als den Widersacher. Wäre es diesem Widersacher gelungen, uns vor der Ankunft Jeschuas zu vernichten, dann hätte es die Geburt, den Tod und die Auferstehung des Messias gar nicht gegeben. Wenn der Widersacher uns jetzt vernichten kann, kommt die Botschaft nicht mehr von unseren Lippen – und Jeschua kann nicht zurückkommen. Es muss nämlich ein bußfertiges Israel sein, das mit folgenden Worten nach Seiner Rückkehr ruft: „Baruch haba beSchem Adonai“ – „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“ (Psalm 118,26; Matthäus 23,39).

In der gesamten Weltgeschichte hat Gottes Widersacher Männer und Frauen zu Angriffen auf die Pläne Gottes motiviert. Zielscheibe dieser Angriffe waren immer wir Juden.

Wir bekleiden also eine zentrale Position in der Ausführung von Gottes Plänen. Aber bevor wir uns mit diesem Wissen oder mit unserer Verfolgung irgendwie trösten wollen, müssen wir uns selbst einmal ganz offen und ehrlich anschauen. Zwar sind wir tatsächlich in unserer gesamten Geschichte Opfer gewesen – aber durchaus keine unschuldigen Opfer. Wie alle anderen Menschen sind auch wir Juden schuldig, weil wir uns vom Herrn und von seinem Gesalbten abgewandt haben. Der Prophet Jesaja erklärt: „Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg“ (Jesaja 53,6).

Die sich uns stellende Frage lautet nun: „Wenden wir uns Gott zu? Tun wir Buße und erweisen wir dem Sohn die Ehre, wie es König David in Psalm 2 rät?“

 

Zur Wurzel vordringen

Kann Antisemitismus überhaupt jemals ausgemerzt werden? Nicht von uns. Aber vom Herrn. David verkündet in Psalm 22: „Alle Enden der Erde werden sich erinnern und zu dem HERRN umkehren; und vor Dir werden niederfallen alle Geschlechter der Nationen“ (Psalm 22,28).

Erreicht wird die von Gott verheißene Einigkeit unter den Nationen durch unsere beiderseitige Buße und Unterordnung unter den Sohn aus Psalm 2. In der Zwischenzeit dürfen wir aufgrund der Verheißungen Gottes und aufgrund der Pläne Gottes mit Gewissheit wissen, dass wir Juden als Volk überleben werden: „Denn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber Meine Güte wird nicht von dir weichen und Mein Friedensbund nicht wanken, spricht der HERR, dein Erbarmer“ (Jesaja 54,10).

Unsere Bewahrung als Volk ist garantiert, und die Erfüllung unserer Berufung, den Namen des Messias allen Enden der Erde zu verkünden, ist gesichert. Aber wie steht es mit unserer ganz persönlichen Sicherheit? David konnte zuversichtlich bezeugen: „Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?“ (Psalm 27,1.) Auf gleiche Weise wusste Paulus, ein jüdischer Nachfolger Jeschuas aus dem ersten Jahrhundert, dass er im Leben wie auch im Tod gesichert war: „Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?“ (Römer 8,31.)

Davids und Paulus’ Zuversicht wurzelte in ihrem Glauben an den Gesalbten aus Psalm 2.

Unsere auch?

Aus dem Englischen übersetzt von Lars Kilian

Fußnoten:

[1]    Atika Shubert/Nick Thompson, Charlie Hebdo attacks: Families lay kosher store victims to rest in Jerusalem, CNN, 13. Januar 2015 (http://edition.cnn.com/2015/01/13/middleeast/paris-kosher-store-funeral/

[2]    Nick Schifin/Christophe Schpoliansky, Gun in French School Shooting linked to Prior Attacks, ABC News, 19. März 2012 (http://abcnews.go.com/International/rabbi-children-killed-gunman-fires-jewish-school-france/story?id=15952231

[3]    Scott Sayare, Survivor of Attack on Jewish Museum in Brussels Dies, The New York Times, 6. Juni 2014 (http://www.nytimes.com/2014/06/07/world/europe/survivor-of-attack-on-jewish-museum-in-brussels-dies.html?_r=0)

[4]    Marie Tessier, Readers Respond: On European Anti-Semitism, The New York Times, 22. August 2014 (http://op-talk.blogs.nytimes.com/2014/08/22/readers-respond-on-european-anti-semitism/?emc=edit_tnt_20140822&nlid=68338054&tntemail0=y&_r=0)

[5]    The ADL GLOBAL 100: An Index of Anti-Semitism, http://global100.adl.org/#map/europe.

[6]    James Carroll, Constantine’s Sword (Boston: Houghton Mifflin Company 2001), S. 109. [Übersetzung des obigen Zitats für den vorliegenden Artikel: L.K.]

[7]    Michael Berenbaum, Anti-Semitism, Encyclopedia Britannica, 11. August 2014 (http://www.britannica.com/EBchecked/topic/27646/anti-Semitism).

[8]    Carroll, a.a.O., S. 59. [Übersetzung des obigen Zitats für den vorliegenden Artikel: L.K.]

[9]    Conspiracy Theories About Jews and the 9/11 Cause Dangerous Mutations in Global Anti-Semitism (http://archive.adl.org/presrele/asint_13/4346_13.html#.VL1fiEfF98F.