Verfasst von Anton Schreiner

Ich habe Hitler die Hand geschüttelt

Ich wurde 1930 geboren und wuchs im Gebiet Mühlenviertel im Nordosten Österreichs auf. 1938 wurde Österreich von Hitler annektiert. Unsere Region war bitterlich arm.

Ich wurde 1930 geboren und wuchs im Gebiet Mühlenviertel im Nordosten Österreichs auf.

1938 wurde Österreich von Hitler annektiert. Unsere Region war bitterlich arm. Als Hitler kam, ging es uns besser; darum waren wir ganz begeistert. Hitler brachte uns auch Organisation und ein Ziel. Mit acht Jahren musste ich genau wie die anderen Kinder der Hitlerjugend (HJ) beitreten, wo wir streng militärisch erzogen wurden. Hitler schenkte uns sogar eine bildschöne nationalsozialistische Uniform. Vorher hatte ich nur elende Lumpen besessen.

Ich war stolz darauf, zur HJ zu gehören. Zwar war ich katholisch – aber die Nazis brachten uns bei, Religion sei Unsinn. Man lehrte uns auch, die Juden seien schuld an den Kriegen und an allen anderen Problemen in der Welt. Ich war in Linz, der Hauptstadt von Hitlers Geburtsbundesstaat, als die Nazis im November 1938 die dortige Synagoge niederbrannten.

Als ich acht Jahre alt war, reiste Hitler durch mein Heimatdorf Bad Leonfelden. Ich hatte meine neue Uniform an und durfte das goldene Buch der Stadt halten, in das Hitler sich eintrug. Er wuschelte mir durchs Haar und streichelte mir die Wange, dann stieg er in sein Auto und fuhr weiter.

Fünf Jahre später empfahl mich mein Schuldirektor für eine Auszeichnung aufgrund meiner Arbeit in der HJ. Ich wurde in Hitlers Haus nach Berchtesgarten (an der österreichischen Grenze) eingeladen. Dort schüttelte ich Hitler die Hand. Göring, Bormann und Himmler waren auch da. Als ich Hitlers Wolfshund streicheln wollte, sagte Hitler: „Rühr diesen Hund nicht an! Der ist als Wachhund abgerichtet.“ Aber ich hatte schon angefangen, ihn zu streicheln, und der Hund verhielt sich mir gegenüber ganz friedlich. Hitler war verblüfft und sagte mir den Namen des Hundes, der damals geheim gehalten wurde. Inzwischen habe ich den Namen allerdings vergessen. – Ein oder zwei Stunden lang plauderte Hitler mit mir. Er war sehr freundlich, weil ich aus seiner Heimatregion kam, und stellte mir alle möglichen Fragen.

Von der Bombardierung der Stadt Linz durch die Alliierten im August 1943 bis zum Ende des Krieges war ich in Linz. Nach einem Bomberangriff lag ich unter einem Schutthaufen begraben, kam aber unverletzt wieder heraus. Bald nach dem letzten großen Angriff auf Linz war der Krieg zu Ende. Im Radio hörte ich: „Heute ist unser geliebter Führer Adolf Hitler im ehrenhaften Kampf um Berlin gefallen.“ Ich war am Boden zerstört. Wochen später erfuhren wir, dass Hitler gar nicht im Kampf umgekommen war, sondern Selbstmord begangen hatte. In der Hitlerjugend hatte unser Wahlspruch gelautet: „Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde!“ Jetzt erkannte ich, dass Hitler ein Feigling war und uns belogen hatte. Mit dem Nationalsozialismus war ich fertig.

Ich wurde von den Russen gefasst. Da ich in der HJ eine prominente Stellung bekleidet hatte, wollten die Russen mich als „Trophäe“ vom Faschismus zum Kommunismus bekehren. Sechs Monate lang wurde ich inhaftiert und leistete danach drei Jahre lang Zwangsarbeit. Sie versuchten mich einer Gehirnwäsche zu unterziehen, damit ich an den Kommunismus glauben sollte; aber ich war nicht besonders daran interessiert. Allerdings hörte ich von ihnen auch viel über die Juden. Zwar waren die Russen größtenteils gegen die Juden; aber ich hörte auch von anderen Dingen, die die Juden gut machten. Dadurch war ich bald kein ganz so großer Judenhasser mehr. Irgendwann wurde ich dann russischer Soldat und arbeitete für den KGB. Ich begegnete sogar Stalin und trank Wodka mit ihm und seinem Führungsstab, als sie durch die Stadt reisten. Alle betranken sich.

Nach meinem Militärdienst (ich war Anfang 30) reiste ich nach Griechenland, Beirut, Damaskus, Amman (Jordanien) und Jerusalem. Aus irgendeinem Grund wollte ich plötzlich unbedingt erfahren, ob Jesus wirklich in Bethlehem geboren worden war; also reiste ich auch dorthin. In Israel erkrankte ich schwer an massiven Darmproblemen und musste dringend ins Krankenhaus, sobald ich wieder in Österreich war.

Als ich meine Gesundheit wiedererlangt hatte, begann ich erneut mit dem Reisen. Ich war leidenschaftlicher Bergsteiger. Dreimal erklomm ich das Matterhorn und auch den Montblanc. Außerdem erkundete ich viele Religionen, darunter Hinduismus, Zen-Buddhismus und Islam. Der Islam zog mich am meisten an. Durch Verfolgen der Ereignisse in Israel kam es mir allerdings so vor, als wolle das jüdische Volk Frieden – im Gegensatz zu den arabischen Regierungen rundherum, die Krieg wollten. Als Arafat und andere militante Palästinenserführer Terrorangriffe organisierten, wuchsen meine Sympathien für das jüdische Volk mehr und mehr.

Nachdem ich eine Nacht lang auf einem kalten Berg campiert hatte, war mein Gehör permanent geschädigt. Im Krankenhaus füllte ich gemeinsam mit einem Arzt die Antragsformulare für Hörgeräte aus. Auch meine Religion musste der Doktor eintragen. Ich sagte ihm, ich hätte keine Religion und glaubte an überhaupt nichts.

Der Arzt lud mich zu einer Bibelstunde in seine Gemeinde ein, und ich akzeptierte. Das Alte Testament nahm mein Interesse gefangen, vor allem aufgrund der vielen darin enthaltenen geschichtlichen Ereignisse.

Dann lud mich jemand zum Vortrag eines messianischen Juden ein (eines Juden, der an Jesus glaubt). Nach seinem Vortrag diskutierte ich zwei Stunden lang mit ihm. Er erklärte mir, dass die Juden menschliche Wesen sind und keine Untermenschen, wie man mich immer gelehrt hatte. Sie machen Fehler wie wir alle, aber sie sind das auserwählte Volk Gottes. Am Ende unseres Gespräches war ich ein Freund der Juden geworden. Dieser Mann zeigte mir auch, wie viele der Verheißungen in der hebräischen Bibel erfüllt worden sind – darunter auch einige, die sich laut seiner Aussage auf Jesus bezogen.

2003 stürzte ich beim Wandern in Zürich in eine Gletscherspalte. Ich wäre beinahe erfroren und wurde erst in letzter Sekunde gerettet. Als ich den Arzt sah, sagte ich: „Ich habe wohl Glück gehabt.“ Der Arzt erwiderte: „Nein, das war kein Glück. Das war Der da Oben.“ Da dachte ich zum ersten Mal, dass Gott vielleicht doch existieren könnte.

Durch weiteres Bibellesen (sowohl im Alten als auch im Neuen Testament) gelangte ich zu dem Glauben, dass Jesus wahrhaftig der Sohn Gottes und der Messias des jüdischen Volkes ist. 2007 reiste ich zum Laubhüttenfest nach Israel und ließ mich im Jordan taufen.

So unmöglich das angesichts meines Hintergrundes auch erscheinen mag – heute liebe ich Israel und das jüdische Volk aufrichtig. Ich trage einen kleinen Anhänger; er stellt den Brustschild des Hohenpriesters dar, auf dem die Namen der Stämme Israels eingraviert sind. Was ich beispielsweise an den Israelis besonders bewundere: Sie nehmen Kranke und Verletzte auf, bringen sie in ihre Krankenhäuser und sorgen für sie – sogar für ihre eingeschworenen Feinde. Sie führen an Kindern komplizierteste Operationen durch (sogar Herz-OPs) – selbst an den Kindern derjenigen, die wieder und wieder sagen, dass sie die Juden ins Meer werfen wollen.

Was sagt Jesus in der Bergpredigt darüber, unsere Feinde zu lieben? Wenn wir all diese Dinge tun würden, hätten wir das Paradies auf Erden.

Leider ist der Antisemitismus in Österreich noch sehr lebendig. Wenn es mir möglich ist, nehme ich an öffentlichen Diskussionen und Konferenzen teil und verteidige Israel. Sehr oft sind die Antisemiten gar nicht zum Zuhören bereit und sagen mir, ich solle den Mund halten. In einigen Fällen haben sie mich sogar schon beschuldigt, Jude zu sein!

Viele jüdische Menschen fürchten sich davor, das Neue Testament aufzuschlagen – aufgrund dessen, was so genannte „Christen“ ihnen im Namen Jesu angetan haben. Aber das jüdische Volk muss das Neue Testament lesen, um von Jesus zu erfahren: Er ist jüdisch, wurde in Israel geboren und hat jeden Einzelnen von uns aufrichtig lieb. Sogar mich, der ich Hitler die Hand geschüttelt habe.

Aus dem Englischen übersetzt von Lars Kilian