George-Santayana
Verfasst von Aaron Lewin

Amnesie

„Wer sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ - George Santayana

Es gibt bestimmte Teile meiner Vergangenheit, die ich gerne vergessen würde. Ich hatte eine wunderbare Kindheit mit liebevollen Eltern, und doch hat das Leben so manche Narbe hinterlassen, Wunden aus gescheiterten Beziehungen, wegen Verrat oder weil ich nicht in das eine oder andere Team oder einen bestimmten Kurs an der Schule gelassen wurde. Egal, was wir für eine Erziehung haben, wir schleppen den Ballast unserer Erfahrungen aus der Vergangenheit mit uns herum und manchmal können sie sehr schwer wiegen. Gerne möchten wir unsere Vergangenheit einfach vergessen können, die alten Verletzungen, und einfach so weitermachen, als ob sie nicht passiert wären.

Und doch hat es etwas für sich, sich zu erinnern, selbst wenn es schmerzhaft ist. George Santayanas berühmtes Zitat steht als Warnung für all die, die nicht nur ihre eigene Vergangenheit vergessen, sondern auch die Geschichte an sich. Margaret Thatcher z.B. vergaß seinerzeit, dass die Kopfsteuer einer der wichtigsten Gründe für den Aufstand der Bauern im Jahre 1380 war1. Ihre Version der Kopfsteuer kostete sie ihren Posten als Premierministerin im Jahr 1990. Auch in der Parascha-Lektion dieser Woche leidet unser Volk unter einem bemerkenswerten Fall von kurzfristigem Gedächtnisverlust. Die Paraschat Beha’alotcha erzählt die Geschichte unseres Volkes, das murrte und klagte, dass es kein gutes Essen in der Wüste hatte. Die Leute vergaßen, dass sie noch vor kurzem als Sklaven leben und Städte für den Pharao bauen mussten. Und dann schrien sie in ihrer Verzweiflung gar: „Warum sind wir aus Ägypten gegangen?“ (Bemidbar / 4. Mose 11,20). Trotz der Barmherzigkeit Gottes, der ihnen Fleisch in der Wüste zu essen gab, beschwerten sich einige von ihnen weiter und verloren am Ende ihr Leben. Was für eine Verschwendung!

Wer wird uns Fleisch zu essen geben?

Der Fehler, den sie gemacht hatten, war simpel: Anstatt zu glauben, dass der gleiche Gott, der sie aus der Sklaverei befreit hatte, auch in der Lage sein würde, sich um sie zu kümmern und für sie in der Wüste zu sorgen, konzentrierten sie sich auf andere Quellen der Befriedigung, so das Essen. „Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch.“ (4. Mose, 11,4-5) Fische, ganz umsonst? Na, sicher doch! Und nebenbei bemerkt schienen sie auch vergessen zu haben, dass sie dieses Essen verzehren mussten, während sie Sklaventreiber peitschen und sie anbrüllten, sich zu beeilen und mit der Arbeit voranzumachen! Wie schnell sie all das vergaßen!

Allerdings vergessen wir auch so manches ziemlich schnell. Wir machen rasch die gleichen Fehler wie sie und versuchen, Zufriedenheit mit Hilfe von „guten Dingen“ (wie Essen) zu erlangen, die aber letztlich nicht gut genug sind. Speisen und Komfort, die zwar gut und nötig sind, wurden zu Götzen für unser Volk in der Wüste, da sie das Hauptziel seiner Wünsche wurden, der Hauptgrund, warum es lebte. Es vergaß seine Vergangenheit, ersetzte Gott durch Essen und Komfort und musste in Folge leiden.

Die Geschichte wiederholte sich – diesmal aber zum Guten.

Ich bin aber froh, dass die Geschichte hier noch nicht zu Ende war. Einige Leute aus unserem Volk lernten doch aus der Vergangenheit und aus der Vergangenheit ihrer Väter. Am Ende des Buches Bemidbar (4. Mose) wurde eine neue Volkszählung durchgeführt. Eine neue Generation war geboren und die ältere Generation, die seit 40 Jahren dazu gezwungen war, in der Wüste herumzuwandern, war verstorben. In Seiner Güte hat Gott die neue Generation befähigt, von ihrer Vergangenheit und der Vergangenheit ihres Volks zu lernen. Sie setzte ihr Vertrauen in Gott – dass Er der gleiche Gott war, der ihre Väter aus Ägypten befreite und der sie in das gelobte Land bringen würde, das Er versprochen hatte. Die Geschichte wiederholte sich – diesmal aber zum Guten.

Als Jeschua Jahrhunderte später erschien, wiederholte sich die Geschichte erneut. Das Brit Hadascha (das Neue Testament) erwähnt einige Leute, die aus der Vergangenheit gelernt hatten, die sich an die Propheten erinnerten und die für das Kommen des Messias vorbereitet waren (siehe Lukas 2,22-40), doch die meisten Leute aus unserem Volk (auch zunächst Jeschuas Jünger) hatten das Boot verpasst. Die Elite war auf die Erhaltung ihrer Macht konzentriert und wollte so viel Geld wie möglich zusammenraffen, während die normalen Menschen sich in erster Linie nach einem Messias sehnten, der die Römer stürzen würde – an sich vielleicht ein guter Wunsch, doch hat das mit dem Zweck des Kommens des Messias nichts zu tun. Ob Macht, Geld oder Freiheit: Wir suchen ständig nach anderen Dingen, die uns befriedigen sollen, aber nicht nach Gott – der Quelle allen Lebens.

Und wie ist das heute? Die Geschichte wiederholt sich erneut. Heute machen wir den gleichen Fehler und vernachlässigen Gottes Angebot der Vergebung, Liebe und Freiheit, das uns durch Jeschua gemacht wurde, zugunsten anderer Dinge, die zwar gut und recht sind, aber uns nie das geben können, was wir wirklich wünschen – Frieden. Wenn wir unsere Beziehung zu Gott in Ordnung bringen, weil Jeschua für uns gestorben ist, können wir uns den Problemen unserer Vergangenheit stellen und von ihnen lernen. Aus anderem Blickwinkel können wir ab und an sogar sehen, wie Gott diese Probleme nutzte, um uns zu Ihm zu ziehen.

Die Geschichte kommt und geht also und wiederholt sich wirklich ständig selbst. Sind wir aber bereit, aus ihr zu lernen? Sind wir bereit, aus den Fehlern anderer zu lernen, anstatt sie zu wiederholen und sie zu unseren eigenen Fehlern zu machen? Oder werden wir die Warnungen weiterhin nicht beachten?

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Kopfsteuer