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„Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“ – wie das alte Sprichwort sagt (siehe Kohelet / Prediger 1,9). Es scheint, als ob wir Menschen unsere Tage damit verbringen, immer die gleichen alten Fragen zu stellen und zu beantworten, Jahr für Jahr, Generation für Generation. Seien es Rassismus-Schlagzeilen oder die Frage nach der Abtreibung oder Proteste von Tierschützern – die Debatte um die Heiligkeit des Lebens tobt seit Anbeginn der Zeit. Die Frage ist eigentlich ganz simpel, meine ich: Ist alles Leben gleich wertvoll?

Wie du vielleicht erwartest, hat die Bibel zur Heiligkeit des Lebens viel zu sagen und das Thema steht im Fokus der Parascha dieser Woche: Die Paraschat Bo ist der Höhepunkt der Exodus-Geschichte, wo Gott große Wunder wirkt, um uns aus Ägypten herauszuführen. Obwohl wir versucht sein könnten, uns auf unsere Befreiung von der Sklaverei in Ägypten zu konzentrieren, steht hier mehr auf dem Spiel als nur unsere Befreiung in dieser Nacht. Der eigentliche Schwerpunkt dieser Passage ist die Frage, die von Menschen auf der ganzen Welt auch in diesem Augenblick gefragt wird: Ist alles Leben gleich wertvoll?

Wir beginnen mit der Passage, in der Gott dem Mose erklärt, wie er unser Volk durch eine letzte Plage befreien wird. Diese wird ganz besonders brutal sein: Jeder Erstgeborene der Ägypter wird sterben, und dies wird dazu führen, dass der Pharao endlich nachgibt und uns aus Ägypten fortschickt. Doch das ist nur der Anfang des Blutbades: Gott erklärt, dass wir Israeliten ein junges Lamm opfern und sein Blut an den Türpfosten unserer Häuser schmücken müssen, damit unsere Erstgeborenen nicht auch sterben! Durch Gottes Gnade tun wir das und werden vom Tod verschont, der die Ägypter befällt. Gottes Plan funktioniert und der Pharao schickt uns so schnell wie möglich fort.

Wenn wir diese Stelle lesen, haben wir sofort Fragen: Warum werden alle ägyptischen Haushalte bestraft? Warum müssen wir ein Lamm töten, um zu überleben? Warum mussten diese Lämmer sterben, obwohl sie nichts falsch gemacht hatten? Diese ganze Episode scheint zu zeigen, dass Gott versucht, etwas viel Tieferes als nur das einmalige Ereignis der Befreiung von der Sklaverei zu vermitteln.

Beginnen wir mit den Ägyptern. Der Text enthüllt kaum etwas zur Frage, ob buchstäblich das ganze ägyptische Volk gegen uns war oder nicht, aber er gibt ein oder zwei Hinweise, dass mittlerweile einige Ägypter erkannt hatten, dass es wirklich einen Gott gibt und dass er extrem mächtig ist (siehe z.B. Schemot / 2. Mose 9, 20-21). Letzten Endes werden wir nie wissen, ob einige der Ägypter beschlossen hatten, dem gleichzutun, was wir Israeliten mit dem Lamm taten, aber die Schrift sagt, dass nach dem ganzen Ereignis „viel fremdes Volk“ aus Ägypten mit uns auszog (Schemot / 2. Mose 12, 38). Vielleicht hatten einige Ägypter erkannt, dass unser Gott ein Gott war, mit dem man sich nicht anlegen sollte, und dass sie dort sein wollten, wo er ist. Sie hatten die Wahl, und es scheint, dass einige von ihnen sich richtig entschieden.

Jetzt vergleichen wir damit einmal unser jüdisches Volk: In all den Plagen waren wir bis zu diesem Punkt nie wirklich verpflichtet, etwas zu tun. Gott unterschied einfach zwischen uns und den Ägyptern, indem er die Plagen auf sie losließ und nicht auf uns. Doch als es zur zehnten Plage kam, gab er uns sehr spezifische Anweisungen – und es wird angedeutet, dass wir das gleiche Schicksal wie das der Ägypter teilen würden, wenn wir ihnen nicht Folge leisteten! Aber warum? Hatten wir etwas falsch gemacht? Wir waren nicht die Unterdrücker, warum also sollten wir für etwas bestraft werden, das wir nicht getan hatten? Vielleicht wollte Gott uns so prüfen: Waren wir wirklich bereit, zuzuhören und ihm zu gehorchen? In gewissem Sinne ist es auch Gottes Weg, uns zu zeigen, dass er alles Leben als gleichwertig ansieht. Obwohl er uns für einen bestimmten Zweck erwählt hatte, war ihm klar, dass wir nicht perfekt waren, dass wir auch falsche Dinge taten. In diesem Sinne ergriff Gott nicht Partei für jemand Bestimmten.

Schauen wir schließlich noch einmal auf die Lämmer: Wenn wir mit einem in der Geschichte Mitleid haben sollten, dann ja wohl mit diesem hilflosen Zuschauer des Geschehens, der ins Kreuzfeuer zwischen Ägypten und uns Juden geraten war. Diese Lämmer starben, sodass ihr Blut als Zeichen genutzt werden konnte, um uns so zu markieren, dass wir den Tod durch den Zerstörer vermeiden können. Die hilflosen Lämmer starben, damit wir leben konnten, obwohl sie nie etwas getan hatten, um den Tod zu verdienen.

Den Lämmern gegenüber erscheint das ganz schön unfair! Und das war es auch. Aber Gott hat es getan, um uns etwas anderes zu zeigen, das viel unfairer ist als der Tod dieser Lämmer: Trotz ihrer Unschuld in der Sache waren diese Lämmer, genau wie alles auf dieser Welt, grundlegend von der Verdorbenheit der Welt betroffen, die durch unsere ersten Eltern, Adam und Eva, vor Tausenden von Jahren verursacht wurde. Als direkte Folge ihres Ungehorsams kam die Sünde und damit der Tod in die Welt und ließ alles kaputtgehen und ruinierte alles. Wir sind alle unvollkommen; wir sind nicht diejenigen, die wir sein sollten. Diese Pessach-Lämmer waren auch unvollkommen und konnten nicht das sein, was sie sein sollten. Einige hundert Jahre später sandte Gott den Messias Jeschua, um für unser Unrecht zu sterben und von den Toten aufzustehen, um uns das ewige Leben zu geben. Anders als die Pessach-Lämmer war der Messias jedoch perfekt. In der Tat sagt die Schrift uns, dass der Messias Gott selbst war (siehe z. B. Jeschajahu / Jesaja 9, 6)! Aber ganz wie die Pessach-Lämmer gab der Messias Jeschua sein vollkommenes Leben auf, damit wir leben konnten. Die Geschichte des Pessach ist eigentlich unsere Geschichte: aus der Zerstörung gerettet durch den Tod eines Menschen, der den Tod nicht verdient hatte. Es war definitiv nicht fair, dass diese Lämmer starben, aber wie viel unfairer war es, dass Gott selbst menschliche Gestalt annehmen und für uns alle sterben musste?! Aber das ist die Natur der Gnade: Sie ist unfair.

Zurück zur aktuellen Frage. Die Tatsache, dass der Messias Jeschua kam und für uns starb, bestätigt in sich selbst, dass Gott alle Menschen als gleich betrachtet. Alle haben Unrecht getan, alle verdienen Gottes Zorn, und doch können alle gerettet werden, wenn sie bereit sind, ihr Vertrauen in den Messias zu setzen, der in der Lage ist, uns zu retten. Gott unterscheidet nicht nach Rasse oder Geschlecht oder Nationalität. Er liebt uns alle und will, dass wir alle eine Beziehung zu ihm haben. Sind wir bereit, diesen Weg zu gehen, den er uns vorgegeben hat, damit wir gerettet werden können, oder werden wir weiterhin versuchen, uns immer wieder neue, eigene Hirngespinste auszudenken? Und wenn alles Leben für Gott gleich wertvoll ist, wie schätzt du dein eigenes Leben ein? Willst du nicht den Gott kennenlernen, der dein Leben so sehr liebte, dass er bereit war, für dich zu sterben?