Gibt es etwas, was unrein ist?

Als Kinder haben wir gelernt, keinen Kot anzurühren, nicht in der Nase zu bohren, nicht mit den Fingern zu essen, immer die Hände zu waschen, kein abgestandenes Wasser zu trinken, all dies vorab, um Infektionen und Krankheiten zu vermeiden. Auch das Gesetz des Moses bezeichnet Aussätzige (Leprakranke) und Menschen mit venerischen Krankheiten als unrein, es verbietet, sie zu berühren, verbietet Inzest, aber …. es erklärt auch manche Dinge für unrein, die nicht das geringste Gesundheitsrisiko darstellen.

Die Parasha dieser Woche (Emor) umfasst die Kapitel 21-24 des 3. Buches Moses (Wajikra). Hier geht es um Gottes Reinheitsvorschriften für die Kohanim, die Priester.

Das Priesteramt ist erblich, es ist der Nachkommenschaft von Aaron auferlegt, und Gott trägt den Priestern auf, für ihn in besonderer Weise heilig zu sein (21,8; 22,6): Sie müssen sich fernhalten von Gestorbenen, außer Eltern, Kinder oder unverheiratete Geschwister. Priester sollen wegen eines Gestorbenen an ihrem Leibe keine Einschnitte machen. Der Hohepriester, der als einziger Priester zuweilen den heiligsten Teil der Stiftshütte oder des Tempels betritt, darf sich überhaupt keiner Leiche nähern; wenn in seinem Hause eins seiner Elternteile stirbt, muss er im Tempel bleiben. Er darf sein Haupt nicht entblößen und seinen Mantel nicht zerreißen, weder in Trauer noch Zorn. Weshalb?

Eine mögliche Antwort ist: Gott ist der Gott des Lebens, nicht des Todes

Eine mögliche Antwort ist: Gott ist der Gott des Lebens, nicht des Todes: Er hat unter den Menschen seine Zelte aufgeschlagen, um sie aus dem Tode zu befreien, sie loszukaufen; er will diejenigen, die sich IHM nähern, mit Hoffnung erfüllen und nicht zulassen, dass ihre Seele sich betrübt. Um dies wirklich klar zu machen, sendet Gott 1400 Jahre später seinen eingeborenen Sohn, Jeschua: Die Realität des Todes von Lazarus, die Trauer seiner Geschwister betrübt Jeschua zutiefst, erzürnt ihn (!) … und er erweckt den Toten zum Leben (Jochanan/Johannes 11,43)!

Wohl ebenfalls um Gott klar darzustellen, sind diejenigen Söhne Aarons, welche lahm, blind oder verstümmelt sind, Hand oder Fuß gebrochen haben oder sonst an einem Gebrechen leiden, nicht zum Opferdienst zugelassen. David hat Gottes Herz richtig erkannt: „Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“ (Tehilim/Psalm 16,11) Wirklich: GOTT sehnt sich nach nichts mehr, als uns von aller Krankheit und Unreinheit zu befreien. Wiederum: „Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun; sei rein! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein.“ (Mattijahu / Matthäus 8,2)

Aber genau dasselbe gilt auch für alle Einwohner Israels.

Wenn nun ein Priester unrein geworden ist, weil er einen verstorbenen Angehörigen berührt hat, weil er mit Blut, einem unreinen Reptil, einem Tierkadaver, einem Aussätzigen, mit irgendeinem verunreinigten Kleidungstück in Kontakt gekommen ist, oder weil ihm der Samen entfloss, dann verwirft ihn Gott nicht. Für jede Situation gibt es ein Ritual, das Reinheit wiederherstellt: Die eine Unreinheit geht weg am Abend, eine andere nach sieben Tagen, nach rituellem Waschen des Körpers oder der Kleider. Bis aber die Reinheit wiederhergestellt ist, ist es dem Priester strengstens verboten, im Tempel zu dienen, oder Fleisch von Opfertieren zu essen, auf dass er nicht sterbe! (22,3-9). Aber genau dasselbe gilt auch für alle Einwohner Israels. (Wajikra / 3.Moses 7,20-27) In der Tat: Die allermeisten Reinheitsvorschriften für Priester gelten in gleicher Weise für alle Einwohner Israels, Israeliten oder zugezogene Fremdlinge („Ger“); selbst Raschi wundert sich, wieso gewisse Reinheitsregeln für Priester in diesen Kapiteln separat wiederholt werden. Vielleicht will Gott die Priester und Lehrer des Gesetzes (und auch Würdenträger der Kirche) vor der Versuchung bewahren, sich erhaben zu fühlen, über dem Gesetz stehend, für sich selbst eine Ausnahme zu konstruieren (Jirmejahu / Jeremia 6,13; Ezra 34): Diese Wiederholung macht Priestern unmissverständlich klar, dass sie unter dem gleichen Gesetz stehen wie alle andern Volksangehörigen.

Somit ist die lebensspendende Nähe Gottes inmitten seines Volkes gleichzeitig auch todbringende Nähe für denjenigen, der Seine Heiligkeit nicht fürchtet, für denjenigen, der das Gesetz, das dem Menschen Leben verspricht, geringschätzt.

Das gleiche Paradox erscheint in den Anordnungen des Kapitels 23, die Feste des Herrn betreffend: Schabbat, Pessach, Schavuot, Rosch Haschana, Yom Kippur, Sukkot. Diese wichtigen, von Gott angeordneten Freudenfeste, die Israels Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei feiern und prophetisch die Befreiung aller Menschen ankündigen, sind ein Lieblingsthema der Juden für Jesus. Gottbefohlene Freudenfeste für Israel ja, … aber, wer am Schabbat arbeitet, Pessach nicht feiert oder während der sieben Festtage gesäuertes Brot isst, wer am Jom Kippur seine Seele nicht erniedrigt, der schließt sich aus, dessen Seele „soll ausgerottet werden aus der Gemeinde Israel“ (Wortlaut aus der Lutherübersetzung). (Schemot/2. Moses 12,19; 31,14; Wajikra/3. Mose 23,29; Bemidbar/4. Mose 9,13)

Und dennoch zeigt Jeschuas Leben, dass Gottes Reinheit durch des Menschen Unreinheit in keiner Weise bedroht ist. Wie oben erwähnt: Jeschua berührt einen Aussätzigen, er sitzt auf einer Bank mit Sündern, Menschen die die Reinheitsgesetzte nicht einhalten, und wird dadurch nach mosaischem Gesetz unrein. Er erklärt, dass Speisen den Menschen nicht unrein machen können, sondern dass der Mensch vorab durch seine Gedanken und Worte unrein wird. (Mattijahu / Matthäus 15,11) Der an Jeschua glaubende Pharisäer Paulus formuliert konsequent: „Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, für den ist es unrein.“ (Römer 14,14)

Die Anordnungen über den Tempeldienst und die Priester werden von GOTT in der Thora zweiundvierzig Mal als eine ewige Ordnung („Chukat olam“) bezeichnet. So gewiss diese Gesetze ewige Bedeutung haben, und somit auch heute noch wichtig sind, so scheint ihre praktische Anwendung durch die Zeiten wandelbar. Für messianische Juden besteht ihre gegenwärtige Bedeutung vor allem darin, uns den tödlichen Abgrund zwischen uns von Sünde verunreinigten Menschen und dem heiligen Gott wahrnehmbar zu machen, damit wir die der Vernunft unbegreifliche Gnade, die Gott uns in seinem für unsere Versöhnung geopferten Sohne angeboten hat, richtig erkennen und ergreifen möchten.

Gott hat seinen Sohn Jeschua dazu auserkoren, das Opferlamm zu werden, welches nicht wie der Hohepriester mit Blut von Böcken und Stieren sondern mit seinem eigenen Blut vor ihn tritt und für uns ewige Sühnung erkauft. (Hebr. 9,12) Als Jeschua vom Hohepriester gefragt wurde: „Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“ – da erwiderte er: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels. Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: ‚Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört!’“ (Marqos / Markus 14,61-64). Und der hohe Rat verurteilte Jeschua zum Tode.

Es ist nicht anzunehmen, dass der Hohepriester, als er seinen Mantel zerriss, sich nicht bewusst war, dass er dabei das hohepriesterliche Gesetz übertrat, aber er war sich wohl auch nicht darüber im Klaren, dass er die Würde seines Amtes verwirkte, weil vor ihm ein viel Würdigerer stand, der im Begriff war, das Amt des Hohepriesters zu übernehmen.