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Verfasst von Aaron Lewin

Soziale Gerechtigkeit und Tikkun Olam oder „Wer ist eigentlich mein Nächster?“

„Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben.“

Sowohl das allgemeine Konzept der sozialen Gerechtigkeit als auch das etwas speziellere jüdische Konzept der Tikkun Olam („Reparatur der Welt“) sind in den letzten Jahrzehnten immer beliebter geworden. Es vergeht kaum ein Tag ohne Schlagzeilen über Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter, die Abschaffung des Menschenhandels usw. Immer öfter fordert man eine gerechtere Gesellschaft ist, in der die Reichen die Armen nicht missbrauchen und es Freiheit für alle gibt. Das ist etwas, was wir alle wollen.

Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben.2. Mose 19,13

Doch trotz seiner Popularität der letzten Jahre ist das Konzept so alt wie die Thora. Die Thoralesung dieser Woche, Kedoschim, ist voll von Gesetzen, die sich mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit beschäftigen, so: „Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen.“ (Wajikra / 2. Mose 19,13) Gott scheint all diese Gesetze zur sozialen Gerechtigkeit in einem Prägnanten Spruch zusammenzufassen: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ “(Wajikra / 2. Mose 19,18) Das einzige Problem ist: Wer genau ist „mein Nächster“?

Das ist eine berechtigte Frage. Wenn wir die Anweisung „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ lesen, erscheint einem das alles letztlich ein bisschen zu viel. Es gibt so viele Leute in der Welt – soll ich mich um sie alle kümmern?

Das ist dieselbe Frage, die ein jüdischer Lehrer einmal Jeschua gefragt hat (siehe Lukas 10, 25-37). Allerdings sah Jeschua, dass die Beweggründe dieses Mannes nicht so rein waren und so erzählte Er ihm eine Geschichte, um ihm zu zeigen, wer sein Nächster ist. In der Geschichte wird ein jüdischer Mann zusammengeschlagen und totgeglaubt zurückgelassen.

„Es war derjenige, der Barmherzigkeit zeigte.“

Überraschenderweise gehen ein Cohen und ein Levi vorbei, ohne ihm zu helfen. Der Held der Geschichte, der die Wunden des Mannes verband, war ein Samariter – einer, den man damals als Ausgestoßenen betrachtete und Feind unseres Volkes. Als Jeschua fragte, welcher der Männer sich wie ein Nächster verhielt, erwähnte der jüdische Lehrer noch nicht einmal die ethnische Zugehörigkeit des Helfers: „Es war derjenige, der Barmherzigkeit zeigte.“ Jeschuas Antwort war eine Herausforderung, nicht nur für diesen jüdischen Lehrer, sondern für uns alle: „So geh hin und tu desgleichen!“

Seinen Feind zu lieben, ist nicht einfach – eigentlich ist es unmöglich. Und doch ist es genau das, was Jeschua für uns getan hat. Rav Scha’ul (der Apostel Paulus) schrieb: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8). Wir sind der zusammengeschlagene jüdische Mann aus Jeschuas Geschichte und er ist der Samariter, der bereit war, uns zu heilen und uns Leben zu geben. Scha’ul fährt fort: „Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind, durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“ (Römer 5,10).

Das ultimative Beispiel für soziale Gerechtigkeit am Kreuz gab es vor fast 2000 Jahren: Jeschua reichte uns – entgegen Recht und Fairness – die Hand, sodass unser Leben repariert wurde, unsere Beziehung zu Gott ebenso wie unsere Beziehung zu unseren Nächsten – wenn wir bereit sind, ihm zu vertrauen und ihn bitten, uns zu ändern.

Wir kämpfen so viel für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit in der Welt, doch unsere Liebe für andere, für unsere Nächsten, wird immer unvollkommen und mangelhaft sein. Darüber hinaus werden wir die Ungerechtigkeit und Ungleichheit der Welt nie beseitigen können – zumindest nicht, bis der Messias zurückkehrt. Aber wir können und müssen uns immer an die Liebe erinnern, die uns von dem Einen entgegengebracht wurde, der uns als seine Nächsten betrachtete. Sind wir bereit, ihn als unseren Gott zu betrachten?