fiddler-on-the-roof
Verfasst von Aaron Lewin

„Tradition!“

„Anatevka“ ist ohne Zweifel einer der berühmtesten jüdischen Filme aller Zeiten.

„Anatevka“ ist ohne Zweifel einer der berühmtesten jüdischen Filme aller Zeiten. Humor und Tragödie vereinen sich, um einen wunderbaren Einblick in das Leben von uns Juden in Osteuropa in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts zu geben. Einige der Zeilen („Wenn ich einmal reich wär“) sind in den alltäglichen jüdischen Sprachgebrauch eingegangen und die Eröffnungsszene („Tradition“) ist besonders beliebt.

Eines der wichtigsten Anliegen des Films ist jedoch die Darstellung der langsamen Auflösung der Tradition, die die Juden des Schtetls zusammengehalten hatte. Erst will Tevjes Älteste ihren eigenen Mann wählen! Dann wählt seine zweite Tochter nicht nur ihren eigenen Mann, sondern sagt Tevje sogar, dass sie ihn mit oder ohne seinen Segen heiraten werde! Und als seine dritte Tochter ihr Zuhause verlässt, um einen Nichtjuden zu heiraten, geht das alles dem armen Tevje einen Schritt zu weit.

Was unsere jüdischen Traditionen anbelangt, ist nichts typischer als das Schma Jisrael.

Was unsere jüdischen Traditionen anbelangt, ist nichts typischer als das Schma Jisrael. Es wurde jahrhundertelang als Glaubensbekenntnis aufgesagt, doch ist es besonders wichtig, um zu verstehen, was es heißt, Jude zu sein. „Höre Israel (Schma Jisrael), der HERR ist unser Gott, der HERR allein.“ (5. Mose 6,4) Das Schma Jisrael erklärt, wer laut unserem Glauben Gott ist. Und es ist in dieser Woche Teil der Parascha-Lektion. Die Paraschat Waetchanan beschäftigt sich mit einigen klassischen jüdischen Texten und Themen. Abgesehen vom Schma und dem V‘ahavta (5. Mose 6,5), wiederholt Moses dort die Zehn Gebote. Es besteht kein Zweifel, dass diese Kapitel zu den wichtigsten der Thora gehören und dass sie seit Jahrhunderten definieren, wer wir Juden sind.

Aber die Zeiten ändern sich und notwendigerweise somit auch die Traditionen. Vor kurzem nahm ich an einem Kabbalat-Schabbat-Abend in Berlin teil. Etwa 40 junge Leute saßen im Kreis und sangen schöne, traditionelle Lieder, die auf den Tehilim (Psalmen) basierten, begleitet von Instrumenten. An einem Punkt der Zeremonie wurde das Achtzehnbitten-Gebet rezitiert (die Amidah) und natürlich auch das Schma. Trotz des Fehlens einer Thorarolle bedeckten die Leute dennoch ihre Augen und rezitierte die Gebete. Das Ganze war ein Versuch junger jüdischer Menschen, ihre Traditionen ihrem Stil anzupassen. An dem Abends wurde auch festgestellt, dass die Menschen überall auf der Welt das Judentum ständig in ihrem Sinne anpassen. Dies wirft eine gute Frage auf: Wie relevant sind die Traditionen der Vergangenheit für uns heute? Sind das Schma und die Zehn Gebote noch etwas, an dem junge jüdische Menschen des 21. Jahrhunderts festhalten sollten? Wie viel können wir anpassen und verändern, was Gott eingesetzt hat?

[Du] sollst halten seine Rechte und Gebote, die ich dir heute gebiete; so wird’s dir und deinen Kindern nach dir wohlgehen…

Zu Beginn der Parascha dieser Woche warnt Mosche uns ausdrücklich: „[Du] sollst halten seine Rechte und Gebote, die ich dir heute gebiete; so wird’s dir und deinen Kindern nach dir wohlgehen…“ (D‘Varim / 5. Mose 4,40). Gott ist der einzige, der eine Beziehung, die er selbst eingesetzt hat, ändern kann, nicht wir. Und das hat er zu einem gewissen Grad auch getan, als er Jirmejahu (Jeremia) sagte: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31, 31-34). Das Gesetz ist also nichts Äußerliches mehr, das wir einhalten sollen, sondern ein neues Leben mit einem neuen Herzen, in das Gottes Thora geschrieben wurde, um uns zu führen und uns zu leiten. Wie das? Weil das völlig sündenlose Leben des Messias Jeschua als Bezahlung für alles Üble, das wir tun und getan haben, fungierte und somit einen Neuen Bund einläutete – einen, bei dem das Schma nicht nur ein Glaubensbekenntnis ist, sondern wahre Erkenntnis des einen, wahren Gottes.

Tradition ist wichtig und gut, aber wir dürfen mit ihr nicht die Wege Gottes blockieren. Tradition ist nicht Gott, Gott ist Gott.

Nachdem der Gottesdienst beendet war, fragte ich einen Teilnehmer, ob er an den Gott glaubt, den er besungen hatte. Seine Antwort war, dass Gott überall um uns herum ist, und das offenbarte mir, dass er nicht wirklich an den Gott des Schma glaubt, den Gott der Bibel. Die Traditionen waren ihm wichtig, aber damit hörte es auch auf.

Manchmal müssen wir einen Moment lang innehalten und eine Bestandsaufnahme durchführen. Haben wir, das jüdische Volk, unseren Traditionen nicht erlaubt, Gott zu ersetzen? Sind wir nicht oft eifriger beim Befolgen von menschengemachten Traditionen, anstelle uns mal zu fragen, was Gott wirklich will? Und was, wenn Gott wirklich einen Neuen Bund einsetzte, genau wie er es Jirmejahu sagte? Sind wir bereit, unser Denken anzupassen, um das zu berücksichtigen, was Gott sagte, das er für uns im Rahmen des Neuen Bundes tun würde?

„Tradition!“ – Ja, natürlich. Aber bitte vergiss Gott nicht!