Foto: Josh Felise

Dieses Jahr wird das Pfingstfest an Juden wie an Christen fast unbemerkt vorübergehen; dennoch ist es eines der wichtigsten Feste im Alten Testament, und es markiert einen entscheidenden Zeitpunkt in der Geschichte des Christentums.

Ich möchte Sie gerne zu diesem Ereignis mitnehmen – und zu dem Tag, an dem dieses Fest Israels erfüllt wurde. Stellen Sie sich vor: Es ist der Morgen von Schawuot, Morgen des Pfingsttages. Sie sind von weit her, von der Insel Kreta, gekommen, um das Gebot des Herrn zu erfüllen (5. Mose 16,16). Sie erwachen durch die laute Stimme eines Tempelbeamten, der aus voller Kehle ruft: “Steht auf! Lasst uns nach Zion gehen, zum Herrn, unserem Gott!” Es ist an der Zeit, nach Jerusalem hinaufzuziehen und Ihren Korb der Erstlingsfrüchte vor den Herrn in Seinen heiligen Tempel zu bringen.

Sie sind Teil einer Unmenge von Pilgern, die zum Tempeleingang drängen. Da zieht ein mächtiger Klang “wie das Brausen eines gewaltigen Windes” (Apostelgeschichte 2,2) Ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Sie bleiben wie angewurzelt stehen

Was bedeutet denn so was an einem sonnigen Tag in Jerusalem? Die Neugier lockt Sie weiter. Als Sie den Ursprung dieses Geräusches erreichen, finden Sie keine Erklärung – nur weitere Fragen und Verwirrung:

“Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte” (Vers 6).

Mitten in diesem Sprachenwirrwarr, das Sie nicht verstehen, hören Sie plötzlich vertraute Worte, die Gott in der Sprache Ihrer Heimatstadt loben. Ihre Augen schweifen über die Menge, und Sie entdecken den Mann, der Ihre Sprache spricht. Aber der kommt bestimmt nicht aus Kreta! Wie kann das sein? Was bedeutet das alles?

Jemand neben Ihnen ruft: “Die haben zu viel Wein getrunken!” (Vers 13) Einige andere schreien weitere derartige Anschuldigungen. Aber das erscheint Ihnen sinnlos.

Plötzlich steht ein dunkelhäutiger Mann mit stechenden Augen, einem einprägsamen Gesicht und einer selbstsicheren, fast glühenden Erscheinung auf und erklärt:

“Männer von Judäa und ihr alle, die ihr zu Jerusalem wohnt, dies sei euch kund, und hört auf meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, denn es ist die dritte Stunde des Tages; sondern dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist” (Verse 14-16).

Und so wurde das Pfingstfest erfüllt, indem Gott Sein Volk ermächtigte, ihrer Berufung zu folgen, ein Segen zu sein für alle Völker der Welt.

Und so wurde das Pfingstfest erfüllt, indem Gott Sein Volk ermächtigte, ihrer Berufung zu folgen, ein Segen zu sein für alle Völker der Welt. Das war ein historischer Tag, an dem die Macht Gottes unsere uralte Tragödie verwandelte – es war der Tag, an dem Gott den “Fluch von Babel umkehrte”.

Viele konzentrieren sich auf die Zeichen und besonderen Dinge, die diesen Tag begleiteten; doch diese Pfingstzeichen verwiesen auf vergangene Ereignisse, die uns helfen sollten, Gottes Absichten zu verstehen. Insbesondere verwiesen sie auf den Berg Sinai und die Übergabe des Gesetzes. Laut jüdischer Überlieferung hat Gott das Gesetz an Pfingsten gegeben; und Apostelgeschichte 2 spiegelt scheinbar diesen Glauben.

2. Mose 20 berichtet: Als Mose ging, um das Gesetz zu empfangen, befand sich das ganze Volk Israel in tödlicher Furcht vor dem rauchenden Berg und dem Klang von Donner und Posaunen, die diesen Anblick begleiteten. Außerbiblische Berichte werfen weiteres Licht auf diesen besonderen Tag im Jerusalem des ersten Jahrhunderts.

Wir erfahren, dass am Berg Sinai ein Geräusch vom Himmel, wie ein Widderhorn oder eine Trompete, immer mehr an Lautstärke zunahm, sodass man es nicht ertragen konnte. Ich weiß nicht, ob man den Klang dieses Widderhorns mit dem “Brausen eines gewaltigen Windes” vergleichen kann. Klar ist jedoch: Der Klang war anfangs verwirrend und wurde immer lauter, bis er praktisch unerträglich wurde. Sind Sie schon einmal durch ein immer lauter werdendes Geräusch erschüttert worden? Sie spüren regelrecht, wie der Klang Ihren Kopf ausfüllt und durch Ihren ganzen Körper vibriert.

Mit dem Klang kam ein optisches Bild, neben dem ein Silvesterfeuerwerk wie eine jämmerliche Wunderkerze wirkt. 2. Mose 19,18 berichtet, dass der Herr im Feuer auf den Berg herab fuhr. Andere jüdische Quellen bieten noch weitere Bilder. Ein altes Manuskript – ein Targum, aufgefunden in einer Bibliothek in Ägypten – berichtet folgendes: “Als das erste Gebot den Mund des Heiligen verließ … wie Meteore und Blitze und Fackeln aus Feuer; eine feurige Fackel zu Seiner Rechten und eine feurige Fackel zu Seiner Linken, die hervorbrach und in die Luft der himmlischen Weite flog; und sie kreiste um das Lager Israels.”1

Diese Berichte ähneln dem biblischen Bericht in 2. Mose und von König David: “Die Stimme des HERRN sprüht Feuerflammen, die Stimme des HERRN erschüttert die Wüste” (Psalm 29,7-8). Gottes “Spezialeffekte” am Sinai erregten die Aufmerksamkeit der Kinder Israel und prägten die Übergabe der Gebote ins Kollektivgedächtnis des jüdischen Volkes ein.

Die Überlieferung bezüglich der Übergabe des Gesetzes war den Jüngern im Obergemach, wie auch den Mengen in Jerusalem, bestimmt bekannt. Als sie das Geräusch vom Himmel hörten, wäre nur natürlich gewesen, die Verbindung zu 2. Mose zu knüpfen.

Und dann waren da die geteilten Zungen wie von Feuer auf jedem Jünger. Laut Apostelgeschichte 1,15 waren an diesem Tag mindestens 120 Jünger versammelt. Das sind ganz schön viele Flammen – schon fast eine Feuersbrunst! Das verweist noch einmal auf die Erfahrung am Berg Sinai.

Doch noch bevor die Jünger mit diesem übermächtigen Brausen eines Windes und den blendenden Feuerzungen zurechtkamen, fingen sie auf einmal zu ihrer eigenen Überraschung unfreiwillig an, in Sprachen zu reden, die sie nie gelernt hatten und nicht kannten. Es muss ihnen vorgekommen sein wie ein Traum. Ihre Münder bewegten sich, ihre Lippen und Zungen waren voll beschäftigt – aber was in aller Welt sagten sie denn? Vielleicht ließ der Herr die 120 auf eine wunderbare Weise wissen, dass sie Lobgesänge sprachen – “von den großen Taten Gottes” (Apostelgeschichte 2,11).

Jüdische Überlieferung besagt: Als Gott in 1. Mose 10 die Völker teilte, teilte Er sie in 70 Nationen. Nachfolgend berichtet 1. Mose 11 vom Turmbau zu Babel, wo Gott als Gericht die Sprachen dieser 70 Nationen verwirrte und sie durch Unfähigkeit zur Kommunikation zerteilte.

An Pfingsten gebrauchte der Heilige Geist die verschiedenen Sprachen, um Sein Volk aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern zu vereinigen.

Eine weitere jüdische Überlieferung besagt: Als Gott am Berg Sinai das Gesetz übergab, hatte jeder der 70 Ältesten Israels eine Flamme über dem Kopf; diese Flamme stand für die Sprachen der 70 Nationen der Welt. Das illustriert Gottes Absicht, dass nach Gottes Willen alle Nationen sehen und hören sollten. Gottes Selbstoffenbarung am Sinai sollte zu allen Völkern hinausgetragen werden – in Übereinstimmung mit Seiner Liebe zu allen Völkern.

Beim Turmbau zu Babel hatte Gott die Sprachen verwirrt, um die Menschen zu trennen. An Pfingsten gebrauchte der Heilige Geist die verschiedenen Sprachen, um sein Volk aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern zu vereinigen. Und mit dieser wundersamen Verkündigung Seines Wortes an Pfingsten (Apostelgeschichte 2) begann die Hoffnung, alle Völker mögen zum Glauben an den Gott Israels kommen, Wahrheit zu werden.

Israel bezeugte den einen wahren Gott, indem es der Tora folgte. Genauso können wir, die wir heute dem Messias nachfolgen, an der wahren Erfüllung des Pfingstfestes teilnehmen, indem wir allen Völkern der Erde Seinen Tod, Sein Begräbnis und Seine Auferstehung bezeugen.