Foto: Robert Servais

Pfingsten. Ist das eine Konfession? Eine übernatürliche Erfahrung? Ein Datum in einem liturgischen Kirchenkalender? Vielleicht ist es der Nachname eines beliebten Bibel-Gelehrten? Tatsächlich ist Pfingsten vor allem einer der wichtigsten, aber am geringsten gewürdigten jüdischen Festtage der Bibel.

Die hebräische Bibel gibt uns drei Namen für diesen Feiertag; jeder ist bezeichnend, denn jeder erinnert uns an eine Wahrheit, von der Gott möchte, dass wir sie verstehen.

Pfingsten ist am ehesten unter dem Namen Schawuot, oder Wochenfest bekannt: „Auch das Wochenfest, das Fest der Erstlinge der Weizenernte, sollst du feiern, ferner das Fest des Einsammelns und die Wende des Jahres“ (2. Mose 34,22) Das hebräische Wort „Schawuot“ bedeutet „sieben“ oder „Wochen“. Der Name des Feiertages beschreibt nicht seine Zeitdauer: Es wird nicht über Wochen hinweg gefeiert – nicht einmal für eine Woche. Tatsächlich ist es ein Tages-Fest. Schawuot bezieht sich auf die Zeitspanne zwischen Passah und diesem Feiertag. Gott gebot den Israeliten, ab dem Tag nach Passah sieben Wochen bis zu diesem bestimmten Feiertag zu zählen.

Pfingsten ist griechisch für „der 50. Tag“ und beschreibt die gleiche Zeitdauer. „Vom Tag nach dem Sabbat, an dem ihr dem Herrn die erste Gerstengarbe gebracht habt, zählt ihr sieben volle Wochen und bringt dann am 50. Tag, dem Tag nach dem siebten Sabbat, dem Herrn ein Speiseopfer von der neuen Ernte.“ (3.Mose 23,15-16, siehe auch 5.Mose 16,9-10).

Egal ob man auf hebräisch oder griechisch zählt – Wochen oder Tage –, der Countdown ist der gleiche und beginnt am Tag nach Passah. Dieser Vorgang des Tage-Zählens betont das Thema des göttliche Erwartens, das so besonders an diesem Feiertag ist. Das Gefühl der Erwartung, die dieser Feiertag erweckt, kann nicht übertrieben werden.

Hast du jemals mit einer zukünftigen Braut oder einem Bräutigam gesprochen, die die Tage und Stunden bis zur Hochzeit zählen? Oder mit einem Schüler, der die Tage bis zu den Sommerferien zählt – oder vielleicht sogar bis zum Abschluss? All die täglichen Aktivitäten beginnen sich um dieses besondere Ereignis zu drehen, und wenn die Erwartung steigt, verstärkt sich auch der Countdown.

Das Wochenfest zeigt ein Prinzip auf: Gott möchte, dass wir das Feiern der Zeit die wir mit ihm verbringen werden, sehnsüchtig herbeisehen, uns auf die Gemeinschaft mit Ihm und mit denen die Ihn lieben, freuen. Ohne Zweifel bezieht sich dieses Prinzip auf unsere Hoffnung im Himmel, aber wir sollten auch Zeiten erwarten die wir im Hier und Jetzt reservieren, um in seiner Gegenwart zu sein und ihn mit seinen Heiligen anzubeten.

Ein zweiter biblischer Name für diesen Feiertag ist „Hag ha bikurim“. „Hag“ bedeutet „Festtag“ oder „Wallfahrt“ und „ha bikurim” ist hebräisch und bedeutet „Erstlinge“:

„Und am Tag der Erstlinge, wenn ihr dem HERRN ein neues Speiseopfer darbringt, an eurem Wochenfest, sollt ihr eine heilige Versammlung halten; keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun.“ (4.Mose 28,26). Das hebräische Wort „bikurim“ ist mit dem Stammwort „bekhor“ verwandt, das „Erstgeborener“ bedeutet. Die Verbindung zwischen Erstlinge und Erstgeborenen ist wichtig, da die Bibel uns sagt, dass die Erstgeborenen, sowohl Mensch als auch Tier, Gott gehören.

„Heilige mir alle Erstgeburt! Alles bei den Söhnen Israel, was zuerst den Mutterschoß durchbricht unter den Menschen und unter dem Vieh, mir gehört es.“ (2.Mose 13,2)

Die jüdische Tradition des „pidyon ha ben” (die Erlösung des Erstgeborenen) basiert auf Gottes Anspruch in obiger Bibelstelle. In 4.Mose 3,40-51 lesen wir, dass Gott nach dem Auszug eine Volkszählung und einen Preis für jeden männlichen Erstgeborenen der Kinder Israels forderte. Das war eine praktische Demonstration seines Anspruchs, der seinem Volk verständlich machen sollte, was sie ihm schuldeten und was er stattdessen bereit war, aus Gnade zu akzeptieren. Wir sehen das auch im Neuen Testament, als Maria und Josef ihr Baby Jesus in den Tempel Jerusalems bringen, um ihn Gott zu weihen.

Auf gleiche Weise wie Gott Anspruch auf die Erstgeborenen erhebt, so sagt er auch seinem Volk, dass ihm die Erstlinge des Bodens gehören. Deshalb spricht das Fest des „hag ha bikurim“ – das Fest der Erstlinge – von der Wichtigkeit, unser Erstes und Bestes der Ehre Gottes zur Verfügung zu stellen.

Die Bibel verspricht uns einen direkten Zusammenhang zwischen unserer Weihe und Gottes Versorgung. „Ehre den HERRN mit deinem Besitz, mit den Erstlingen all deines Ertrages! Dann füllen deine Speicher sich mit Vorrat, und von Most fließen über deine Keltern.“ (Sprüche 3,9-10). Dieser Absatz und das Prinzip, das es erläutert, sollte nicht dazu missbraucht werden, falsche Hoffnungen zu wecken, dass Wohlstand abhängig davon, was wir geben, erlangt werden kann. Es wäre töricht, seine Gabe danach zu berechnen, was man als Gegenleistung erwartet. Das ist gar keine Gabe. Der Schlüssel zu diesem Vers ist, den Herrn zu ehren. Wenn wir erkennen, dass alles was wir besitzen Gott gehört, dann ehren wir ihn. Wenn wir uns ihm selbst hingeben und ihm unsere Erstlingsfrucht dessen was er uns schenkt zur Verfügung stellen, dann ehren wir Gott. Wenn wir vertrauen, dass unsere Erstlingsgabe für seine besondere Verwendung uns nicht notleidend zurück lässt, dann ehren wir Gott. Das führt uns zu seinem Segen. Er segnet uns, weil wir anerkennen, dass wir und alles was wir haben, rechtmäßig ihm gehören. Und er segnet uns, weil wir durch unsere Erstlingsgabe unser Vertrauen demonstrieren, dass er uns weiter versorgen wird. So, wie viel kostet uns Pfingsten? Es kostet uns unser Erstes und Allerbestes.

Ein dritter biblischer Name für das Pfingstfest ist „ Hag ha kazir“, was einfach „Erntefest“ bedeutet. Das ist wahrscheinlich der erste Name, den man diesem Feiertag gegeben hat (siehe 2.Mose 23, 14-16)

Die meisten von uns sind sehr von der Agrarwirtschaft entfremdet, die die Israeliten während der biblischen Zeiten erlebten. Fast alles was wir essen, wurde zumindest teilweise von jemand anderem zubereitet. Wir sind vielleicht etwas dadurch betroffen, dass die Preise für diese spezielle Handelsware angehoben wird, wenn eine Dürre oder Flut in einem Teil der Welt die Ernte zerstörte. Trotzdem bewerkstelligen wir es, zumindest in diesem Land, Essen zu haben in dem wir es einfach kaufen. Aber im alten Israel war der Zyklus von Säen und Ernten absolut zentral für die Existenz des jüdischen Volkes. Er war Teil des täglichen Lebens-Rhythmus. Das Pfingstfest ist ein wichtiger Übergang in diesem Zyklus. Man zelebrierte das Ende der Gerstenernte und den Beginn der Weizenernte im Land.

Das Erntefest betont die Themen von Gottes Versorgung und unsere Dankbarkeit ihm gegenüber für seine zugesicherte Treue. Aber es gibt eine starke Verbindung zum Passah – eine Verknüpfung, die durch das Zählen der Tage geschaffen wird. Es erinnert uns daran, dass es kein Land, keine Feldfrüchte, keine Freude über Gottes Versorgung geben würde, hätte er die Kinder Israels nicht aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Der Überlieferung nach bezeichnet es auch den Tag, als Gott Israel am Berg Sinai das große Geschenk der Tora machte. Das Gesetz war dazu da, Gottes befreitem Volk zu zeigen, wie er sich deren Beziehung zu ihm und untereinander vorstellte.

Für Christen ist das jüdische Pfingstfest ein historischer Meilenstein in der Geschichte der Nachfolger Jesu. Es ist der Tag, an dem Gott entschied, seinen Heiligen Geist, welcher das Gesetz übertrifft, zu senden. Gottes Geist lehrt uns nicht nur, sondern befähigt uns auch in unserer Beziehung zu Gott und untereinander. Durch diesen Geist fährt Gott in guten und schlechten Zeiten fort, in uns eine Ernte der Gerechtigkeit hervorzubringen. Diese Gerechtigkeit ist ein Reichtum an Wahrheit und Weisheit und Segen für alle, die seine Anweisungen beherzigen. In einer Zeit, wenn viele einen Verlust an Reichtum, einen Verlust der Arbeitsstelle oder eine Unzahl anderer wirtschaftlicher Unsicherheiten hinnehmen müssen, können wir uns daran erinnern, dass der Herr der Ernte versprochen hat, uns weiterhin treu mit jeder guten und vollkommenen Gabe zu segnen. „Mein Gott aber wird alles, wessen ihr bedürft, erfüllen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus.“ (Philipper 4,19) Das ist wirklich ein tröstender Gedanke.

* Nach dem Buch „Christ in the Feast of Pentecost“ von David Brickner und Rich Robinson