military

Ich wusste: Darin steckte mein „Tzav Rischon“ – die Vorladung zu meinem ersten militärischen Gespräch. Ich war 16 und hatte mitbekommen, wie meine Freunde ähnliche Briefe erhalten hatten. Dieser Brief enthielt die Forderung, mich vor dem Militär einzufinden, um meinen körperlichen und geistigen Zustand hinsichtlich des Wehrdienstes in den Israelischen Streitkräften auszuwerten. Eigentlich handelte es sich ja lediglich um ein Gespräch, eine einfache Busfahrt, einen Nachmittagsausflug. Aber es stand für unglaublich viel mehr. Es war die erste in einer ganzen Reihe von Verpflichtungen zu Dienst und Opfern, die ich für Israel bringen würde. Die Aussage „Ich war nicht vorbereitet“ ist blanke Untertreibung – trotzdem wusste ich, dass ich keine Wahl hatte.

Seit der Errichtung des Staates Israel wachsen dort sowohl die Jungen als auch die Mädchen mit dem Bewusstsein auf, dass sie ihrem Land dienen müssen, wenn sie 18 Jahre alt werden.

Seit der Errichtung des Staates Israel wachsen dort sowohl die Jungen als auch die Mädchen mit dem Bewusstsein auf, dass sie ihrem Land dienen müssen, wenn sie 18 Jahre alt werden. Das ist keine Frage persönlicher Vorlieben; es ist eine Frage nationaler Sicherheit – eine Frage der Pflicht. Männer und Frauen geben dafür Jahre ihres Lebens und manchmal sogar ihr Leben selber hin. Die meisten Israelis sehen ihren Militärdienst nicht als freiwillige Option, sondern als Verpflichtung, weil er so eng mit dem Überleben verbunden ist.

Wenn es nicht gerade eine Frage des Überlebens ist, sehen wir „Dienst“ von unserer menschlichen Natur aus in einem anderen Licht (und ich spreche nicht etwa nur vom Militärdienst). Vielleicht tauschen wir unsere Dienste lieber gegen irgendetwas in unseren Augen Begehrenswertes ein – gegen ein Gehalt, einen guten Ruf, ein Gefühl des Gelingens. Wir sehen uns nicht unbedingt als Diener oder Knechte, die ganz natürlich dienen. Selbstverständlich wollen die meisten von uns unseren Beitrag zum Dienst für Gott leisten. Den wollen wir eben einfach mit allem anderen in Einklang bringen, was wir sonst noch zu tun haben. Und weil wir Dienst nicht mit Überleben in Verbindung bringen, vergessen wir vielleicht manchmal, welch ein Dreh- und Angelpunkt unserer Identität das Dienen ist.

Paulus gebraucht das immer wieder auftretende Thema „Knecht sein“ als Beschreibung seiner Hingabe an den Herrn. Sich selbst bezeichnet er bei mehreren Anlässen als „Knecht“ oder „Sklave“ (Römer 1,1; Galater 1,10; Philipper 1,1; Titus 1,1 usw.). In einem sehr bekannten Bibeltext spricht er von seiner „Pflicht“, „Verpflichtung“ oder „Schuldigkeit“:

Sowohl Griechen als auch Nichtgriechen … bin ich ein Schuldner. Dementsprechend bin ich … willig, auch euch … das Evangelium zu verkündigen (Römer 1,14-15).

Er wusste, dass Dienst nicht eine Frage persönlicher Vorlieben ist, sondern eine Frage von Verpflichtung oder Schuldigkeit. Sehen wir als Nachfolger vom Messias Israels unsere Rolle genauso? Paulus war nicht der einzige Schreiber im Neuen Testament, der seine Verpflichtung in Worte des Knecht-Seins kleidete. Jakobus (1,1), Judas (1,1) und Petrus (2. Petrus 1,1) betrachteten ihr Wirken ebenfalls als das von Knechten oder Sklaven. Maria bezeichnete sich als Magd oder Sklavin, als der Engel Gabriel sie besuchte (Lukas 1,38). Der griechische Begriff doulos (meist mit „Knecht“ oder „Sklave“ übersetzt) war in der griechisch-römischen Denkweise keine Selbstbezeichnung, weil Selbstbestimmung als äußerst wichtig galt und der Verlust persönlicher Freiheit in diesen Kulturen eine undenkbare Vorstellung war. Doch in der jüdischen Tradition galt es als großes Vorrecht, ein „Knecht“ oder „Sklave“ des Höchsten zu sein. Das werden wir später noch sehen. Kein Wunder also, dass mehrere Fachleute Paulus’ Verwendung des Begriffs „doulos“ seinem jüdischen Erbe zuschreiben.

Die hebräische Entsprechung „eved“ wird meistens als „Knecht“ oder „Diener“ übersetzt. Sie leitet sich von der Wortwurzel „avad“ ab; die wir i.d.R. wiedergegeben mit „dienen“, „anbeten/loben“ oder einfach „arbeiten“. In der jüdischen Denkweise schlossen Arbeit und Anbetung bzw. Gottesdienst oder Lobpreis einander keineswegs aus. Und doch werden diese beiden Konzepte heute kaum jemals miteinander in Verbindung gebracht. Wenn man heute den „Lobpreis“ im christlichen Fernsehen sieht oder sich das Cover einer „Lobpreis-CD“ anschaut, was sieht man da? Menschen singen Lieder, die Augen geschlossen und die Hände zum Herrn erhoben. Lobpreis und Gottesdienst wird oft mit einer einzigen Sache gleichgesetzt: Der Anbetung Gottes durch Lieder und Gebete. Lobpreis oder Gottesdienst verbindet man nicht unbedingt mit Gefängnismission, dem Einsatz unter Obdachlosen oder Besuchen im Krankenhaus.

Ihre Aktivität in Israel war streng auf Lobpreis und Fürbittegebet eingeschränkt.

Als ich gerade erst zum Glauben gekommen war und in Jerusalem lebte, begegnete ich einer Gruppe von Christen; sie waren mit einer bekannten Gesellschaft auf einer ausgedehnten „Missionsreise“ durch Israel. Ich fand die Vorstellung richtig aufregend, dass diese Leute nach Israel gekommen waren, um unter Israelis und Arabern zu dienen. Ich muss allerdings einräumen, wie enttäuscht ich war, als ich erfuhr: Ihre Aktivität in Israel war streng auf Lobpreis und Fürbittegebet eingeschränkt. Beides ist zwar notwendig; aber ich glaube, ihr Lobpreis und Gottesdienst wäre wesentlich reichhaltiger gewesen, wenn auch direkte Evangelisation dazugehört hätte.

Mir ist durchaus bewusst, wie wichtig persönliche und gemeinsame Zeiten mit Nachdenken, Lob und Gebet vor dem Herrn sind. Aber ich habe den Eindruck, die jüdische Auffassung von Lobpreis, Anbetung und Gottesdienst ist aus der christlichen Kultur verschwunden. Und das ist ein Verlust für den Leib Christi.

In der jüdischen Denkweise waren Dienst und Lobpreis bzw. Anbetung unlösbar miteinander verbunden. Das Hauptwort „avodah“ (eine weitere Ableitung von „avad“) wird meistens mit „Arbeit“, „Dienst“, „Gottesdienst“ oder „Lob“ übersetzt. Dazu gehörte z.B. die Bestellung des Erdbodens (1. Mose 2,15), die Ausbesserung des Tempels (2. Chronik 34,13), die Ausübung levitischer Pflichten (4. Mose 4,19) und die Darbringung von Opfern vor dem Herrn (Josua 22,27). In der jüdischen Tradition wurde der Begriff „avodah“ schließlich zu einem zentralen Bestandteil der Mussaf-Liturgie am Versöhnungstag Jom Kippur; sie erzählt von den alten Opferritualen, die einst vom Hohenpriester im Tempel durchgeführt wurden. Diese Opfer waren notwendig, um für das Volk Israel Sühne zu erwirken. Also kann sich „avodah“ auf eine ganze Reihe von heiligen (geheiligten) Dienst- und Anbetungsaufgaben für den Herrn beziehen. Beim Nachdenken über die Verflechtung von Arbeit und Gottesdienst bzw. Anbetung sehen wir: Zwar unterscheiden sich die praktischen Auswirkungen, trotzdem ergänzen sie einander. Man könnte sogar argumentieren, dass beide voneinander abhängig sind: Ohne aktiven Dienst für den Herrn ist Anbetung und Gottesdienst unvollständig; und ohne wahre Anbetung wäre der aktive Dienst hohl.

Der „eved Adonai“ oder „Knecht des Herrn“ zu sein, ist in der hebräischen Bibel ein herausragendes Vorrecht. So jemand war ein auserwähltes Gefäß Gottes. Die Bezeichnung betonte die ausschließliche Loyalität des Betroffenen gegenüber dem Herrn: seine Bereitschaft und Sehnsucht, einzig und allein Ihm zu dienen. Einerseits beinhaltet der Ausdruck ein Privileg, das allein denjenigen vorbehalten ist, die sich einer Ehrenbeziehung mit dem Gott Israels erfreuen; andererseits beinhaltet er aber auch Unterwerfung, Opfer und Demut. Eine ganze Reihe der größten Helden Israels trug den Titel „Knecht des Herrn“.

Die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob wurden alle als Knechte des Herrn identifiziert (2. Mose 32,13). Jeder von ihnen ging den Pfad der Knechtschaft; jeder von ihnen erfuhr eine einzigartige Begegnung mit dem Herrn. Im Verlauf der Generationen wurde ein Stammbaum oder eine Tradition der Knechtschaft eingerichtet. Bei der Berufung Isaaks wurde er an

Abrahams besondere Beziehung zu Gott und an die Bundesverheißungen erinnert (1. Mose 26,2-5). Jakob wurde an Gottes Beziehung zu Abraham und Isaak erinnert (1. Mose 28,13). Mose wurde an Abraham, Isaak und Jakob erinnert (2. Mose 3,6). Josua wurde an Moses treuen Dienst erinnert (Josua 1,1-3). Sie alle standen auf einem Fundament, das ihre Vorgänger errichtet hatten. Ein Vereint-Sein, ein unsichtbares Band vereinigte diese Helden in ihrer Berufung zum Dienst des Herrn.

Der Pfad des Dienens ist gut ausgetreten durch Könige wie David und Propheten wie Elia (2. Könige 9,36). Auch sie waren Knechte des Höchsten. Wichtiger noch: Der, auf den ganz Israel gewartet hatte, der Messias, war ein Knecht des Höchsten.

Unser Messias Jeschua (Jesus) hat selber den Takt für ein Leben als Knecht angegeben. Sein ganzes Leben war Ausdruck eines Opferdienstes, genau wie Sein Tod. Er war im wahrhaftigen Sinne der Leidende Gottesknecht – Seiner Stellung enthoben, erniedrigt, abgelehnt und schließlich getötet (Jesaja 40 – 55). Im Bewusstsein der vor Ihm liegenden Ereignisse muss es für Ihn schwer gewesen sein, als Er sah, wie sich Seine Freunde nach gehobenen Positionen drängten. Als man Jeschua fragte, wer im Königreich Gottes der Größte sein würde, scharte Er Seine Jünger um Sich und sagte: „Wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer irgend unter euch der Erste sein will, soll euer Knecht sein“ (Matthäus 20,26-27). Für Jesus bedeutete „Knecht sein“ alles und alle. Ein Knecht zu sein – das war für die größten Könige und die einfachsten Bauern gleichermaßen notwendig.

Natürlich hat Jeschua die Rolle eines Knechtes so ausgefüllt, wie niemand anderes das konnte. Aber Er hat uns auch zu verstehen geholfen, wie wichtig der Dienst als Knecht für all diejenigen ist, die dem Herzen Gottes nahekommen wollen.

Obwohl dieses Mandat zum Dienen oft in Gestalt einer persönlichen Berufung verliehen wurde, standen andere (wie z.B. Josua) schon lange vor ihrer offiziellen Ernennung treu im Dienst des Herrn. Außerdem gab es auch eine gemeinschaftliche Verpflichtung zum Knecht-Sein. Das Volk Israel war aus dem Dienst für den Pharao befreit worden. Jetzt gehörten sie dem Herrn. Tatsächlich wurden alle Erlösten Israels als Knechte Gottes bezeichnet. Wie geschrieben steht:

Denn mir gehören die Söhne Israel als Knechte. Meine Knechte sind sie, die Ich aus dem Land Ägypten herausgeführt habe. Ich bin der HERR, euer Gott (3. Mose 25,55).

Nicht jeder erlebt eine Berufung zum Dienen wie Mose oder Josua. Aber alle, die durch das Blut des Lammes erlöst sind, haben eine besondere Aufgabe und sind nichtsdestotrotz berufen, Knechte und Mägde zu sein. Für jüdische Gläubige liegt das sogar in der Familie! Wir sollten also gar nicht erst fragen: „Herr, bin ich zum Dienen berufen?“ Vielmehr sollte unsere Frage lauten: „Herr, wo und wie soll ich nach deinem Willen dienen?“ Wir alle dienen nämlich dem einen oder anderen. Bob Dylan schreibt:

„You may be an ambassador to England or France,

You may like to gamble, you may like to dance,

You may be the heavyweight champion of the world,

You may be a socialite with a long string of pearls –

But you’re gonna have to serve somebody, yes indeed

You’re gonna have to serve somebody“

[Vielleicht bist du Botschafter in England oder Frankreich,

vielleicht liebst du das Glücksspiel oder gehst gern tanzen,

vielleicht bist du Weltmeister im Schwergewicht,

vielleicht bis du eine Gesellschaftsdame mit langer Perlenkette –

aber irgendjemandem musst du dienen, ja wahrhaftig,

irgendjemandem musst du dienen.“

(aus „Gotta Serve Somebody“)

Wenn wir erkennen, dass wir alle (bewusst oder unbewusst) irgendjemandem dienen, wird offensichtlich: Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass dieser jemand Gott selber ist.

Was bedeutet es denn, dem Herrn zu dienen? Die Antwort ist ganz einfach: Gott an die erste Stelle zu setzen. Es bedeutet, unser Leben als Opfer vor den Herrn hinzulegen. Bei den Chassidim bezeichnet „avodah“ ([Gottes-]Dienst) die gesamte Lebensführung, die dem Dienst Gottes und dem Vorantreiben von Gottes Werk hingegeben ist. Dieser Glaube zeigt sich auch in ihrer „evangelistischen“ Herangehensweise ans Judentum. Obwohl ich den chassidischen Glauben nicht unterstütze, finde ich ihre Hingabe an den Dienst inspirierend. Und wenn Dienst bzw. Gottesdienst auch auf jeden Fall Gebet, Lobpreis, ein Weitergeben der Liebe Gottes und die Hilfe für Bedürftige mit einschließt, wirkt sich das doch für einen jeden von uns auf unterschiedliche Weise aus.

Für manche bedeutet der Dienst für Gott vielleicht vollzeitliche Missionsarbeit. Für andere bedeutet er möglicherweise den Wechsel in ein anderes Arbeitsfeld wie etwa Lehrtätigkeit oder Buchhaltung. Es gibt unter jüdischen Gläubigen große Vorbilder aus ganz unterschiedlichen Dienstbereichen. Joseph Schereschewsky, ein russisch-jüdischer Nachfolger Jeschuas, lebte viele Jahre in China und übersetzte als Erster die Bibel ins Mandarin-Chinesische. Richard Wurmbrandt, ein jüdischer Gläubiger aus Rumänien, verbrachte viele Jahre im Gefängnis, weil er dem Herrn diente. Schließlich gründete er „Stimme der Märtyrer“, eine Organisation, die auch weiterhin die verfolgte Gemeinde in aller Welt unterstützt. Ein Beispiel aus neuerer Zeit: Jay Sekulow glaubt als Jude an Jeschua; er hat in den USA für Grundrechte gekämpft und ist bis vor den Obersten Gerichtshof gezogen. In unserem Vorstand bei Juden für Jesus sitzen Pastoren, Psychologen, Rechtsberater, Lehrer, Buchhalter – sogar Missionare.

Wir stehen in einer langen Reihe treuer Knechte. Der Pfad des Dienens als Knecht ist gut ausgetreten. Wir sind von der Sünde befreit worden, um Gott zu dienen; aber Seine Last ist leicht, und Er trägt uns in seinem Dienst für Ihn.

Paulus hat das wunderschön ausgedrückt:

Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist (Römer 12,1).

Das griechische Wort „latreia“ (Gottesdienst) in diesem Abschnitt wurde in der gesamten Septuaginta normalerweise zur Übersetzung von „avodah“ gebraucht. Man bedenke: Traditionell geht „avodah“ auf die Opfer im Tempel zurück. So fasste Paulus den Begriff „Gottesdienst“ auf. Es ist allein Gottes Gnade, dass Er uns für seinen geheiligten Dienst rekrutiert. Diese Ehre haben wir nicht verdient. Dennoch werden wir in Gnade dazu gerufen, unser Leben niederzulegen, unsere Freiheit aufzugeben und dem gut ausgetretenen Pfad des Dienstes für unseren Herrn zu folgen. So sieht das Leben für einen echten Knecht des Höchsten aus.