Foto: Gili Benita

Zwei namenlose, gesichtslose Menschen verfolgen mich eine dunkle, regennasse Allee entlang und ich weiß nicht, weshalb. Warum renne ich? Wohin renne ich? Die Angst ist erstickend, meine Zähne sind zusammengebissen; mein Herz scheint sich aus meiner Brust zu schlagen.

So schnell ich auch renne, ich fühle mich, als liefe ich im Zeitlupentempo, und meine Gegner kommen mir schnell näher. Gerade als sie ihre Hände an mich legen möchten, wache ich japsend auf, mit klopfendem Herzen. Langsam entspannen sich meine geballten Fäuste, und ich gebe einen gewaltigen Seufzer der Erleichterung von mir. Es war nur ein Albtraum, oder, wie ihn viele nennen, ein Angsttraum. Die  meisten Menschen haben gelegentlich ähnliche Träume.

Wenn wir von einer solchen „Episode“ erwachen, erleben wir eine der dramatischsten menschenmöglichen Verschiebungen, was unsere Perspektive anbelangt. Wir entdecken in einem Moment, was wahr ist und was nicht – eine sehr wichtige Unterscheidung, meinen Sie nicht?

Wir alle leben mit Illusionen, die tief unsere Perspektive auf das Leben beeinflussen. Vielleicht die häufigste Illusion ist, dass „ich meine Lebensumstände selbst in der Hand habe“. Als Nachfolger Christi würden wenige von uns solch eine Illusion aussprechen. Wir sprechen oft von dem Vertrauen auf göttliche Fügung, diese unsichtbare, souveräne Hand Gottes, die daran arbeitet, dass Sein eigener perfekter Wille geschieht. Wir mögen vielleicht glauben, dass Er derjenige ist, der alles im Griff hat. Aber wie häufig verhalten wir uns so, als ob wir den Ton angeben, oder als ob wir entsprechend unserer Bemühungen den Ausgang unseres Lebens bestimmen könnten?

Wenn die Umstände uns entgleiten – wir eine plötzliche Krankheit, den Verlust unserer Lieben, zerbrochene Beziehungen oder finanzielle Rückschläge hinnehmen müssen, zerplatzt diese Illusion plötzlich, und wir bemerken, wie wenig Kontrolle wir tatsächlich haben. Wir können die Zellen in unserem Körper nicht kontrollieren. Wir können nicht die Gesundheit oder sogar nur die Wahl der Menschen um uns herum kontrollieren – nicht einmal von denjenigen, die uns am nächsten stehen – genauso wenig wie einen Tsunami oder einen Vulkan. Oft braucht es eine Krise, um uns erkennen zu lassen, wie wenig Kontrolle wir haben – und so können Krisen eine Zeit der Verzweiflung sein oder zu Zeiten verändernden geistlichen Wachstums werden.

Wir können uns entschließen, Gott zu vertrauen, der immer weiß und tut, was am besten für uns ist. Wenn wir diese Entscheidung treffen, wenn wir diese Wahrheit in Bezug auf Gott wirklich glauben, dann kann es sein, wenn dieser Moment kommt und wir durch diese Dinge außerhalb unserer Kontrolle geprüft werden, dass wir wie von einem Traum erwachen, von einem dieser Angstträume, in der Tat. Wir merken plötzlich, dass wir wirklich machtlos in der Hand der göttlichen Fügung sind. Die Wahrnehmung ändert sich. Wir können einen tiefen Seufzer der Erleichterung von uns geben, unsere Fäuste öffnen und beginnen, auf Ihn zu warten, der das Ende vom Anfang verkündigt.

Dies ist eine veränderte Wahrnehmung der Realität, was nicht bedeutet, dass wir davon ablassen zu tun, was richtig ist, aber wir strengen uns nicht länger an, etwas aus unserer eigenen Kraft heraus zu tun. Wir empfinden nicht die Notwendigkeit, uns selbst oder anderen das Unerklärliche zu erklären, Sinn in etwas zu suchen, das wir nicht verstehen können. Wir können herausfordernde Situationen erleben, unwissend, warum sie uns begegnen oder wie eine Situation ausgehen wird, aber dennoch unseren Glauben intakt und sogar stärker und tiefer werdend bewahren. Wir halten es aus. Wir leiden, aber wir ringen nicht die Hände was die Vergangenheit anbelangt, schelten nicht auf die Gegenwart oder sorgen uns nicht zu sehr um die Zukunft.

In den Wochen bevor unser Begründer von „Juden für Jesus“ und mein lieber Mentor, Moishe Rosen, heimgerufen wurde, lebte er in einem Hospiz. Er war abhängig von anderen, alle seine Bedürfnisse betreffend. Als ich an seinem Bett saß, nicht mehr in der Lage dazu, eine ausgedehnte Unterhaltung mit ihm zu führen, war es so furchtbar ihn in diesem Zustand zu sehen, ohne dass ich irgendetwas tun konnte, um die Umstände zu verändern. Wie wir alle war Moishe wirklich machtlos in der Hand des HERRN. Obwohl er einen Vorteil im Vergleich mit Ihnen oder mir hatte – er wusste es – für ihn war es eine Realität geworden, der er nicht entkommen konnte. Heute erlebt er diese Realität in perfektem Frieden und Freude in der Gegenwart seines HERRN. Wir andererseits brauchen jeden Tag Erinnerungen an unsere Schwachheit, Erinnerungen, die uns an die Realität erinnern, daran, wer wir wirklich sind und wer Gott wirklich ist.

Als ein Missionar für das jüdische Volk, ist es besonders wichtig für mich daran zu denken, dass die Errettung Israels allgemein und des jüdischen Volkes im Besonderen auch in den Händen Gottes liegt. Zugegebener Weise bin ich manchmal durch bestimmte Begegnungen, die ich hatte, entmutigt worden, während ich Zeugnis gab. Das geschah normaler Weise, weil ich vergaß, an Gottes souveräne Pläne in Seinem Erlösungswerk zu denken. Ich erinnere mich besonders an einen Tag, an dem ich in der Stadt New York auf der Straße stand, und es weder schien, als ob jemand mit mir reden wollte, noch nahmen viele die Literatur an, die ich verteilen wollte. Schließlich hielt jemand an, um mit mir zu sprechen, aber während meine Hoffnung wuchs, wurde seine wahre Absicht offenbar, mich herabzusetzen und meinen Glauben an Jesus anzugreifen. Ich wünschte mir so sehr, mit jemandem, irgendjemandem, zu reden, dass ich diesem Menschen erlaubte, mir zu nahe zu treten. Ich wurde ärgerlich und sarkastisch in meiner Reaktion auf seine beleidigende Sprache, und offen gesagt war er viel besser darin, ärgerlich und sarkastisch zu sein als ich. Er ging selbstzufrieden fort; er hatte den mündlichen Sieg für sich verbucht.

Ich fühlte mich elend; so konnte ich mich auch fühlen. Ich war der Illusion erlegen, dass es an mir lag, durch meine eigene Schlauheit Streitgespräche zu gewinnen, damit Menschen gerettet würden. Jetzt, wenn Sie dies lesen, klingt es absurd, oder nicht? Aber so verhalten wir uns, wenn wir in unserer Bemühung, das Evangelium zu verkündigen den anderen erlauben, uns mit unserem eigenen Stolz zu manipulieren. Es ist niemand jemals in das Reich Gottes hinein überredet worden. Wir wissen das. Wann auch immer jemand im Glauben auf Jesus reagiert, geschieht es durch das Wirken des Heiligen Geistes. Ich glaube das, aber warum dachte ich in jenem Moment nicht daran? Es geht auf diesen Wunsch zurück, alles unter Kontrolle zu haben, und darauf, dass wir vergessen, dass wir immer am besten dastehen, wenn wir völlig anerkennen, dass wir in den Händen des Allmächtigen sind und entsprechend reagieren.

Zu diesem Zeitpunkt trainiert eine eifrige gläubige jüdische Gruppe an dem Moody Bibelinstitut, um sich darauf vorzubereiten, im nächsten Monat Evangeliumstraktate auf den Straßen der Stadt New York zu verteilen. Wir werden auch in Essen und Düsseldorf sein, und außerdem einen besonderen Einsatz in Südafrika während der Fußball WM Spiele haben. Wir werden damit fortfahren, vielen zu begegnen, die unserer Botschaft feindlich gegenüberstehen. Einige werden uns anschreien, um unseren Glauben herabzusetzen; andere werden uns nur finster anblicken und an uns vorbeieilen. Da gibt es immer die Versuchung, entweder entmutigt zu sein oder sogar verteidigend auf jene zu reagieren, die unseren Glauben geringschätzen. Wenn wir aber wirklich glauben, dass Gott zuständig ist, werden wir uns und unsere Botschaft Ihm anvertrauen; ebenso die Früchte, die wir zu ernten hoffen.

Dankenswerter Weise arbeitet Gott bereits in den Herzen bestimmter Menschen, und während wir aus eigener Kraft nicht wissen können, wer diese sind, möchte Er uns gebrauchen, um diesen Menschen zu helfen, aufzuwachen und gewahr zu werden, dass sie in Seiner Hand sind. Lassen Sie uns für diese wertvollen Menschen beten, die Er in Seine Nachfolge ruft. Und lassen Sie uns für unsere Juden für Jesus Missionare und freiwilligen Helfer beten; dass jeder von ihnen eine überwältigende Gewissheit der Abhängigkeit von göttlicher Fügung hat und dafür, dass sie alle mit Kühnheit nicht aus eigener Kraft, sondern allein durch Seine Kraft sprechen.

Ebenso bete ich dafür, dass jeder von uns, lieber Leser, alle Illusionen aufgibt, dass wir diejenigen seien, die alles im Griff haben.

Mögen wir alle sowohl Frieden als auch Festigkeit in der Tatsache finden, dass wir machtlos in der Hand der göttlichen Fügung sind, so dass die Herausforderungen, die uns gerade niederdrücken, durch die unbegrenzte Kraft unseres Gottes hochgehoben werden.