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Verfasst von Rich Robinson

…Und warum hast du das Team gewechselt?

Ich bin Jude, und ich glaube an Jesus. Da bekomme ich oft die Frage zu hören: „Soso… und warum hast du das Team gewechselt? Du gehörtest doch zum jüdischen Volk.“

Da bekomme ich oft die Frage zu hören: „Soso… und warum hast du das Team gewechselt? Du gehörtest doch zum jüdischen Volk. Da hattest du schon einen riesengroßen Vorteil. Warum bist du denn bloß zur ‚anderen Seite‘ übergelaufen? Diese Seite der Christen, der Nichtjuden mit ihrem gojischen Lebensstil und ihren gojischen Schädeln, diese Seite gerade der Leute, die unser Volk in der Geschichte so sehr verfolgt haben?“

Wir Juden tun uns schon seit langem schwer mit der Definition dessen, wer wir denn nun eigentlich sind. So haben jüdische Schriftsteller uns beispielsweise als Nation definiert, als Volk, als Religion, als ethnische Gruppierung, als Mischung aus zwei oder mehr Punkten dieser Liste – oder sie haben die Quintessenz jüdischer Identität komplett im Dunkeln belassen. Manchmal heißt es, wir wüssten viel genauer, wer wir nicht sind, als wer wir denn nun sind: Wir sind nicht DIE ANDEREN!

Was jüdische Identität auch sein mag, soviel jedenfalls wissen wir: Als Juden teilen wir ein Stück Geschichte, eine religiöse Tradition, einen modernen Staat (Israel) und einen Status unter den Nichtjuden, der beständig Gefahr läuft, antisemitische Aktionen herauszufordern. Obwohl wir nicht immer eine Wörterbuch-Definition für „jüdisch“ parat haben, leben wir doch alle in einer gemeinsamen Gebärmutter. Ob Fisch, Säugetier oder Seegurke – wir leben alle im selben Ozean.

Und wenn ein jüdischer Mensch zu dem Glauben gelangt, dass Jesus der Messias ist – nun, dann hat er laut jüdischer Sichtweise das Meer zugunsten des Festlandes verlassen. Im Gegensatz zur Evolutionstheorie wird das dann allerdings nicht als positiv angesehen.

Und doch: Als jüdischer Nachfolger Jesu teile ich dieses gleiche Stück Geschichte, das ich jedes Jahr am Passahfest erzähle. Ich teile die religiöse Reformtradition, mit der ich in der Synagoge „Temple Emanuel of Canarsie“ in Brooklyn (New York) aufgewachsen bin. Und ich habe Elemente daraus sowie auch Teile aus anderen Richtungen unserer religiösen Traditionen übernommen. Von vielen weiteren unserer Traditionen habe ich erfahren, und sie haben ihren Weg in meinen Lebensstil gefunden. Ich bin in Israel gewesen und habe dort auch Familie. Und obwohl ich – genau wie viele weitere amerikanische Juden meiner Generation – nur sehr wenig offenen Antisemitismus erlebt habe (wenn überhaupt welchen), so trifft das doch auf Juden anderswo in der Welt nicht zu, auch nicht auf jüdische Gläubige an Jesus.

Aber trotzdem… Habe ich denn nicht das Team gewechselt?

„Wo feierst du Gottesdienst?“, werde ich gefragt. „In der Synagoge oder in der Kirche?“ Nun ja, ich habe schon sowohl in Kirchen als auch in messianischen Gemeinden Gottesdienst gefeiert, wo die Gottesdienstkultur ausdrücklich jüdisch ist. Während ich Anfang der 70-er Jahre an der Universität Syracuse studierte und dort in der Hillel-Synagoge war, habe ich einige Gottesdienste dort sogar dann noch besucht, als ich schon zum Glauben an Jesus gekommen war. Viele Synagogen würden meinen Besuch allerdings gar nicht so unbedingt begrüßen. Wo das dennoch der Fall wäre, kann die Liturgie zwar durchaus erhebend und geistlich sein; aber trotzdem fehlt dort das, was ich als den Hauptbestandteil meines Glaubens ansehe: Jesus, der Messias, der meine Sünden gesühnt hat (man denke an Jom Kippur) und der mich aus dem erlöst hat, was die Bibel als Sklaverei der Sünde bezeichnet (man denke an Pessach und den Auszug aus Ägypten).

„Na, in den Kirchen feiern doch die Gojim ihren Gottesdienst. Und wenn du in einer Kirche bist, hast du dich den Gojim angeschlossen, stimmt’s?“ Es stimmt schon, dass die meisten Kirchen und christlichen Gemeinden zum größten Teil aus Nichtjuden bestehen. Aber das „auserwählte Volk“ sind wir doch unter anderem eben dazu, dass wir die Nationen – die Nichtjuden – auf den Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hinweisen. Mein Glaube lehrt mich: Jesus ist zwar für uns Juden gekommen, und er ist zu uns Juden gekommen; er ist aber auch gekommen, um die Nationen der Welt zum Glauben an den Gott Israels zu führen. Im Neuen Testament wird Jesus beschrieben als „ein Licht zur Offenbarung für die Nationen [Nichtjuden] UND zur Herrlichkeit deines Volkes Israel“ (Lukas 2,32, Hervorhebung hinzugefügt).

Und da es in unserer Welt natürlich mehr Nichtjuden als Juden gibt – ist es denn ein Wunder, dass die meisten christlichen Gemeinden hauptsächlich aus Nichtjuden bestehen? In neuester Zeit entwickeln übrigens viele solche Gemeinden ein größeres Interesse an der grundlegend jüdischen Wesensart ihres Glaubens.

„Aber wenn du an Jesus glaubst, glaubst du dann nicht auch an all diese un-jüdischen Ideen wie die Dreieinigkeit und die Inkarnation und die Jungfrauengeburt?“ Ich glaube daran, weil ich sie in der Heiligen Schrift sehe; aber ich glaube auch, dass diese Punkte zutiefst jüdisch waren und sind.
Es gibt jüdische Autoren, die dem zustimmen. Nicht, dass sie glauben, dass Jesus der Messias ist. Aber sie glauben, dass viele christliche Grundvorstellungen jüdisch sind! Benjamin Sommer vom Jewish Theological Seminary in New York City (der Ausbildungsstätte für konservativ-jüdische Rabbiner in Amerika) hat in einem kürzlich erschienenen Buch Folgendes zu sagen:

Manche Juden betrachten den Anspruch des Christentums, eine monotheistische Religion zu sein, mit großem Misstrauen – sowohl wegen der Dreieinigkeitslehre (wie können drei gleich einer sein?) als auch wegen des grundlegenden christlichen Glaubens, dass Gott leibliche Gestalt angenommen habe.

Ich wollte hier darauf hinweisen, dass das biblische Israel sehr ähnliche Lehren kannte; und in nachbiblischer Zeit sind diese Lehren durchaus nicht aus dem Judentum verschwunden. … Der einzige signifikante theologische Unterschied zwischen Judentum und Christentum liegt nicht in der Dreieinigkeit oder in der Inkarnation, sondern vielmehr darin, dass das Christentum die Vorstellung eines sterbenden und auferstehenden Gottes wiederbelebt hat – eine Kategorie, die das alte Israel eindeutig ablehnt. (Hervorhebung hinzugefügt)1

An der University of California zu Berkeley schreibt Daniel Boyarin in seinem unlängst erschienenen Buch „The Jewish Gospels: The Story of the Jewish Christ“, dass die Vorstellung von einem menschlich-göttlichen Messias durchaus keine spätere heidnische Hinzufügung ist, sondern Teil der frühen jüdischen Jesus-Bewegung:

[Gemäß einer älteren Sichtweise,] die unter liberalen Protestanten für mehr als ein Jahrhundert beliebt war, konnte die Vorstellung der Gottheit Christi nur eine relativ späte und „nichtjüdische“ Entwicklung sein, die einen entscheidenden Bruch mit allem darstellt, was man mit Vernunft noch als „jüdisch“ bezeichnen könnte. … Eine zweite Herangehensweise, die sich derzeit (insbesondere unter Experten fürs Neue Testament) im Aufstieg befindet, betrachtet die frühesten Versionen hoher Christologie als Lehren, die aus einem jüdisch-religiösen Kontext entsprungen sind.2

Aber die Frage nach einem „Teamwechsel“ geht noch tiefer. Kürzlich habe ich eine Essay-Sammlung von jüdischen Mitt-Zwanzigern und -Dreißigern gelesen (Titel: Living Jewishly: A Snapshot of a Generation). Die Einleitung von Andrew Lustig umreißt die jüdische Gebärmutter, in der viele Juden leben:

Ich bin all die Worte in Jiddisch, die man mich mein ganzes Leben lang genannt hat und die ich immer noch nicht verstehe. Ich bin, dass ich dieses Wochenende auf alle drei Phish-Shows gehe. Ich bin meine Melodie von Adon Olam. Ich bin MEINE Melodie von Adon Olam. Die Worte mögen die gleichen sein, aber ich bin MEINE Melodie von Adon Olam. … Ich bin ein Konzept, das dem Rest der Welt fremd ist. Ich bin nicht das Judentum. Ich bin im Lager der Dauerschläfer. … Ich bin der 19-Jährige, der „Leg dich nicht mit Zohan an“ und „Waltz with Bashir“ gesehen hat und der denkt – der WEISS – dass Frieden möglich ist. … Ich bin beständig damit am kämpfen, meine jüdische Identität außerhalb der Religion zu verstehen…3

„Jüdischkeit“ scheint bei einer Identitäts-Suche regelrecht aufzublühen. Man sagt oft, eine der Tugenden des Judentums sei, dass es (ganz im Talmud-Stil) das Stellen von Fragen sogar noch mehr ermutige als das Finden von Antworten.
Im gleichen Band schreibt Stacey Ballis:

Eines der Dinge, die ich am Sederabend (und übrigens überhaupt am Jüdisch-sein) schon seit jeher besonders liebe, ist der Freiraum zum Wachsen und Ausdehnen und Eingliedern. Ich habe gehört, dass bei einer Konferenz Mitte der 1980-er Jahre das Thema „Frauen als Rabbiner“ einem Gremium vorgelegt wurde. Ein älterer (männlicher) Rabbi sagte der Versammlung, eine Frau habe auf der Bimah ungefähr soviel zu suchen wie eine Orange auf dem Seder-Teller. Seit diesem Augenblick hat es sich meine Familie (wie auch Tausende von anderen in aller Welt) zur Gewohnheit gemacht, eine Orange auf unseren Seder-Teller zu legen und diese Geschichte in unsere Erklärung der darauf enthaltenen heiligen Gegenstände mit einzugliedern.4

Neben der Ermutigung zum Fragenstellen bedeutet jüdische Identität für viele Juden heute auch Hinzufügung, Anpassung, Traditionsabänderung sowie Inklusion in den Bereichen Geschlecht und Sexualität.

„Und warum bist du dann zu einem Team übergelaufen, das Gedanken erstickt und meint, es habe die Wahrheit dermaßen für sich gepachtet, dass es jeden anderen ausschließen könne?“

Seien wir ehrlich: Es gibt sowohl Juden als auch Christen, die das Fragenstellen entmutigen und eine Mentalität haben, die „die anderen“ ausschließt. Und bei beiden gibt es auch Leute, die das genaue Gegenteil ermutigen. Mein Glaube lehrt uns, Fragen zu stellen, Ideen herauszufordern und den Außenseiter einzugliedern. Schließlich hat ja das Buch Jakobus im Neuen Testament – eine Art Zusammenfassung jüdischer Ethik – Folgendes zu sagen:

Meine Brüder, habt den Glauben unseres Herrn, [des Messias Jeschua {Jesus}], des Herrn der Herrlichkeit, nicht mit Ansehen der Person. Denn wenn in eure Synagoge ein Mann kommt mit goldenem Ring, in prächtiger Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung herein, ihr seht aber auf den, der die prächtige Kleidung trägt, und sprecht: Setze du dich bequem hierher, und zu dem Armen sprecht ihr: Stelle du dich dorthin, oder setze dich hier unter meinen Fußschemel – habt ihr nicht unter euch selbst einen Unterschied gemacht und seid Richter mit bösen Gedanken geworden? (Jakobus 2,1-4)

Gleichzeitig sagt mein Glaube mir auch, dass es TATSÄCHLICH Antworten gibt; dass es gewisse Dinge gibt, die für alle Menschen wahr sind; und dass wir Wahrheit erkennen und wissen können, soweit ein begrenztes Menschenwesen überhaupt etwas wissen und erkennen kann. Um also diese häufig gestellte Frage zu beantworten: Ich habe nie „das Team gewechselt“. Mein Verständnis des Wortes „Christ“ ist ein Mensch, der Jesus Christus nachfolgt – ob ein solcher Mensch nun Jude oder Nichtjude ist. Das Etikett ist nicht so wichtig wie derjenige, dem wir nachfolgen. Bezeichnet habe ich mich schon als Christ, als Judenchrist, als messianischen Juden, als jüdischen Gläubigen an Jesus. Die Hauptsache ist, dass ich niemals das jüdische Volk zugunsten einer fremden Gruppe verlassen habe. Schließlich teile (und genieße und feiere) ich mit anderen Juden unsere Geschichte, unsere Traditionen, unser Land, unseren Außenseiterstatus unter den Nationen der Welt, und ich identifiziere mich auch mit diesem allen. Ich habe die grundlegende Jüdischkeit des Glaubens an Jesus entdeckt: eines Glaubens, der durchaus das Fragenstellen ermutigt, die Antworten jedoch darin begründet, was Gott für uns getan hat, indem er uns seinen Messias geschickt hat. Wenn es manchmal so aussieht, als sei ich von Nichtjuden umgeben, liegt das nur an einem: Auch sie sind zum Glauben an den Gott Israels gelangt, obwohl sie ihren Glauben gemäß ihrer eigenen Kultur ausdrücken. Ich genieße ihre Ausdrucksweise genauso wie die Möglichkeit, Wege zum jüdischen Ausleben meines Glaubens zu finden.

Übersetzung: Lars Kilian

1. Benjamin D. Sommer, The Bodies of God and the World of Ancient Israel (New York: Cambridge University Press, 2009), S. 135-136. [Unseres Wissens nicht auf Deutsch verlegt. Übersetzung des vorliegenden Zitats für diesen Artikel: L.K.]

2. Daniel Boyarin, The Jewish Gospels: The Story of the Jewish Christ (New York: The New Press, 2012), S. 54-55. [Unseres Wissens nicht auf Deutsch verlegt. Übersetzung des vorliegenden Zitats für diesen Artikel: L.K.]

3. Stefanie Pervos Bregman (Hrsg.), Living Jewishly: A Snapshot of a Generation (Boston: Academic Studies Press, 2012), S. xii. [Unseres Wissens nicht auf Deutsch verlegt. Übersetzung des vorliegenden Zitats für diesen Artikel: L.K.]

4. Stacey Ballis, „To Be a Jew in the World“, in: Bregman, a.a.O., S. 61-62. [Unseres Wissens nicht auf Deutsch verlegt. Übersetzung des vorliegenden Zitats für diesen Artikel: L.K.]