Können wir vergeben? Kann uns vergeben werden?

Wiesenthal hörte zu, kämpfte mit dieser Bitte und verließ schließlich das Zimmer, ohne ein Wort zu sagen. Am Ende des Essays lädt Wiesenthal den Leser ein, „sich gedanklich in meine Lage zu versetzen und sich die essenzielle Frage zu stellen: ‚Wie hätte ich reagiert?‘“

Im Kommentarteil des Buches schreibt der jüdische Autor und Dozent Dennis Prager: „Mord können Menschen niemals vergeben; denn der einzige, der ihn vergeben könnte, ist unwiderruflich fort.“1

Prager hat Recht, aber gleichzeitig hat er auch Unrecht.

Sogar, wenn ein Mörder aufrichtig Buße tut, kann er (oder sie) nicht mehr zu seinem Opfer gehen und um Vergebung bitten, weil das Opfer ja tot ist. Gott dagegen ist am Leben. Und weil jegliche Sünde letztendlich gegen ihn begangen wird, haben wir noch Hoffnung. Wenn wir Buße tun und ihn um seine Vergebung bitten, können wir von ihm vollständig begnadigt und durch ihn gereinigt werden. Sogar, wenn es um Mord geht.

Wenn wir Buße tun und ihn um seine Vergebung bitten.

Aber ist Gott denn nicht ein Gott der Gerechtigkeit? Doch, das ist er. Aber er ist auch ein Gott unergründlicher Gnade, wenn wir mit dem Opfer eines „zerbrochenen und zerschlagenen Herzens“ zu ihm kommen (Psalm 51,19). Hat David das nicht selber erlebt, nachdem er mit Bathseba Ehebruch begangen und danach die Ermordung ihres Ehemannes Urija angeordnet hatte? Konnte David noch zu Urija gehen und ihn um Vergebung bitten? Nein; denn Urija war ja tot. Als David jedoch durch den Propheten Nathan mit seiner Schuld konfrontiert wurde, tat er Buße; und Nathan verkündete ihm: „So hat auch der HERR deine Sünde hinweggenommen; du sollst nicht sterben“ (2. Samuel 12,13).

Gewiss, es gab harte Konsequenzen. Die waren jedoch nichts im Vergleich zu der Gnade, die David empfangen hatte. Verdammnis hatte er verdient. Stattdessen fand er Barmherzigkeit.

Gott vergibt!

Im Sommer 2013 bekam meine Kollegin Kata Tar mitten in der Nacht einen Anruf von einer Frau; die hatte ein von Kata verfasstes Traktat gelesen. „Seit zwei Jahren verstecke ich mich vor der Polizei, weil ich etwas getan habe. Aber jetzt habe ich noch größere Angst vor dem Versuch, mich vor Gott zu verstecken“, bekannte sie.
„Was haben Sie denn getan?“, fragte Kata.
„Ich habe meine Mutter umgebracht. Kann Gott auch das vergeben?“

Kata war schockiert. Aber weil sie die Aussagen der Bibel kannte, konnte sie dieser Frau versichern: Wenn ihre Buße aufrichtig sei, könne sie im Glauben bitten, und Jesus würde ihr vergeben. Danach sicherte Kata ihr noch etwas zu. „Auf jeden Fall hat Ihre Tat Konsequenzen. Aber welche Konsequenzen Ihr Verbrechen auch nach sich ziehen mag – Jeschua (Jesus) kann Sie zur Verherrlichung seines Namens gebrauchen.“

Allerdings sehen wir uns durch seine Vergebung und Gnade mit einer ernsten Herausforderung konfrontiert: Jesus erwartet von uns, dass wir anderen genauso vergeben, wie er uns vergeben hat. In seinem Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht sagte Jeschua: „Solltest denn nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen, wie ich mich über dich erbarmt habe?“ (Matthäus 18,33)

Jesus erwartet von uns, dass wir anderen genauso vergeben, wie er uns vergeben hat.

Wie soll es uns denn möglich sein, Gnade und Vergebung gegenüber Menschen zu zeigen, deren Verbrechen uns so sehr verletzt haben? Der Schlüssel liegt im wahren Verstehen der noch größeren Gnade und Vergebung, die Gott einem jeden von uns gewährt hat. Wie schlimm eine Sünde auch sein mag – die Sünde eines Menschen gegen mich lässt sich unmöglich mit all der Sünde vergleichen, die ich gegen Gott begangen habe. Dabei ist Gott doch mein Schöpfer und hat all mein Vertrauen und all meinen Gehorsam weit mehr verdient als jeder Mensch. Aber weil ich Buße getan habe, hat es Gott gefallen, mich mit seiner Gnade und Vergebung zu überschütten. Und er erwartet von mir, dass ich ebenso handle.

Kann uns vergeben werden? Ja. Können wir vergeben? Ja, das können wir.

Bitte tragen Sie uns Juden für Jesus im Gebet, während wir daran arbeiten, sein Gebot zu erfüllen, „in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden [zu verkündigen]“ (Lukas 24,47).

Drei Dinge sind uns besonders wichtig. Wir wollen Gott für die Vergebung danken, die uns im Messias Jeschua zuteil geworden ist; wir wollen auf diejenigen zugehen, denen wir Unrecht getan haben, und sie um Vergebung bitten; wir wollen denjenigen vergeben, die gegen uns gesündigt haben.

  1. Simon Wiesenthal, The Sunflower (Schocken Books, 1976, S. 226; diese beiden Zitate aus dem Englischen des vorliegenden Artikels übersetzt).