Die richtige Perspektive wahren

Manchmal wird er mit aufrichtiger Hoffnung gesprochen; zu anderen Gelegenheiten wird er im Scherz dahergesagt und bezeichnet das, was andere den „Sankt-Nimmerleins-Tag“ nennen.

Wer unter uns Jeschua kennt, spricht diesen Satz wahrlich voller Aufrichtigkeit.

Allerdings erwarten wir nicht seine Ankunft, sondern seine Wiederkunft. In einem Gespräch mit einem Freund gestanden wir einander mal fröhlich, wie schön es doch wäre, wenn der Messias jetzt auf der Stelle wiederkäme! Dann wären wir die „Zores“ (Sorgen) des Lebens endlich los, die von kleinen Unannehmlichkeiten bis hin zu großen Notfällen reichen.

„Wenn der Messias kommt…“

„Du, ich hab eine Idee“, rief mein Freund plötzlich. „Wir wissen doch, dass irgendjemand in der Weltgeschichte als letzter Mensch vor der Rückkehr des Messias zum Glauben kommen muss, stimmt’s?“
„Und…?“, fragte ich.
„Na“, fuhr er grinsend fort, „wir müssen nur noch ausknobeln, wer dieser ‚irgendjemand‘ ist – und ihm dann die gute Botschaft erzählen, bis er endlich glaubt.“ Er stieß ein triumphales Kichern aus, als hätte er soeben im Alleingang das größte Problem der Welt gelöst. Aber dann kam ihm ein Nachgedanke: „Nur – wo bleiben dann alle anderen…?“

Die Frage brachte eine nüchterne Note in unsere heiteren Gedanken. Plötzlich wurde uns klar, wie leicht Gottes Perspektive der Weltgeschichte in unseren Augen durch eine unangebrachte Sehnsucht nach der Rückkehr des Messias verdunkelt werden kann – also durch die Ungeduld über sein scheinbares Zögern.

Verzieht der Messias mit seiner Wiederkunft? Zögert er? Nein! „Der Herr zögert nicht die Verheißung hinaus, wie etliche es für ein Hinauszögern halten, sondern er ist langmütig gegen uns, weil er nicht will, dass jemand verlorengehe, sondern dass jedermann Raum zur Buße habe“ (2. Petrus 3,9).

Und wenn wir uns doch gelegentlich einer „Komm-auf-der-Stelle-zurück-Mentalität“ schuldig machen, sind wir nicht die Einzigen. Anscheinend erlagen die Apostel und ersten Jünger genau der gleichen Denkweise. Unmittelbar vor der Himmelfahrt brannte ihnen ganz besonders eine Frage auf dem Herzen: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel die Königsherrschaft wieder her?“ (Apostelgeschichte 1,6)

Ich frage mich, ob sie wohl verblüfft waren, als Jeschua ihre Aufmerksamkeit nicht auf das „Wann“ der Wiederherstellung dieser Königsherrschaft lenkte – sondern vielmehr darauf, WAS sie während ihrer Wartezeit tun sollten. Er sagte zu ihnen: „Es ist nicht eure Sache, die Zeiten oder Zeitpunkte zu kennen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat; sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ (Apostelgeschichte 1,7-8). Zwar würde die Königsherrschaft wahrlich anbrechen; doch in der Zwischenzeit gab es noch eine Menge weiterer Menschen, die das Evangelium hören mussten.

Wie oft bekümmern wir uns doch in der Hauptsache lieber um das „Wann“ als um das „Was“! Wir sollten bei all unserer innigen Sehnsucht nach dem Zweiten Kommen nicht vergessen, dass es immer noch Menschen gibt, die zuerst einmal vom Ersten Kommen hören müssen. Wir müssen mehr tun, als lediglich an jenen zukünftigen Augenblick auf einer Erhebung namens Ölberg zu denken. Wir müssen die Botschaft einer Erhebung namens Golgatha verkünden.

Die Durchführung seines Rettungsplans ist viel wichtiger als unsere momentanen Unpässlichkeiten.

Wenn wir einen Schimmer von Gottes Perspektive erhaschen, können wir die Kleinlichkeit unserer Ungeduld erkennen. Wir erkennen, wie unangebracht unsere Beschwerden darüber sind, dass Gottes „Fahrplan“ uns „Zores“ verursacht. Die Durchführung seines Rettungsplans ist viel wichtiger als unsere momentanen Unpässlichkeiten.

Ich kam am 13. März 1977 zum Glauben. Wie froh bin ich, dass er sich nicht für eine Wiederkunft am 12. März entschieden hatte!

Ist es falsch, sich nach der Wiederkunft des Messias zu sehnen? Nein, ganz und gar nicht! Wir trösten uns mit der Verheißung einer für uns bereitliegenden „Krone der Gerechtigkeit … die … der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag zuerkennen wird allen, die seine Erscheinung lieb gewonnen haben“ (2. Timotheus 4,8). Doch sollten wir die richtige Perspektive wahren – nämlich die Perspektive Gottes. Bei all unserer innigen Sehnsucht nach der Wiederkehr des Herrn wollen wir auch an seine im Gleichnis gesprochene Warnung denken: „Handelt, bis ich wiederkomme“ (Lukas 19,13).