Glänzende Denker und gebrochene Herzen

Ich zuckte die Achseln. „Vielleicht aus demselben Grund, aus dem Aristoteles nie entdeckt hat, dass die Erde rund ist.“
Evas Gesichtsausdruck ließ mich deutlich erkennen, dass sie nicht mehr mitkam. „Wie bitte?“, fragte sie.

„Wenn’s um ‚Schlauheit‘ geht, kann keiner von uns dem Aristoteles das Wasser reichen“, sagte ich. „Und wenn’s um Astronomie geht – da hatte er ein paar äußerst clevere Spekulationen darüber, wie die Prozesse im Universum so laufen. Aber wenn wir alles glauben würden, was er geglaubt hat – dann hätten wir immer noch Angst davor, vom Rand der Erde herunterzuplumpsen. Irgendwie ist er trotz all seiner Intelligenz nie über den Gedanken hinausgekommen, dass die Erde eine Scheibe sei.“

„Na, vielleicht ist sie das ja auch“, parierte Eva lachend. Damit gab sie mir zu verstehen, dass sie das Thema „Richtig oder Falsch“ nicht weiter verfolgen wollte; also ließ ich es für den Augenblick ruhen.

Schließlich hat Gott uns den Verstand gegeben und erwartet wahrlich von uns, dass wir ihn einsetzen.

Dieses Gespräch erinnerte mich an eine wichtige Wahrheit: Der Glaube an Jeschua ist keine Frage intellektueller Ableitungen; er ist nicht lediglich eine intellektuelle Angelegenheit. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Der Glaube ist natürlich auch keine anti-intellektuelle Angelegenheit! Schließlich hat Gott uns den Verstand gegeben und erwartet wahrlich von uns, dass wir ihn einsetzen. Sicher, viele Menschen haben die intellektuelle Wahrheit entdeckt, dass Jesus der Messias ist.

Aber nur sehr wenige handeln gemäß dieser Wahrheit, wenn sie nicht von etwas größerem als akademischen Erkenntnissen motiviert werden.

Die Annahme, intellektuelle Nachforschungen würden uns zur geistlichen Wahrheit führen, geht von zwei Grundvoraussetzungen aus: dass wir die Wahrheit tatsächlich wissen wollen – und dass wir auch bereit sind, tatsächlich gemäß der entdeckten Wahrheit zu handeln.

Aber wollen wir sie denn wirklich wissen? Und würden wir handeln? Und wenn die Entdeckung der Wahrheit nun zu der Erkenntnis führt, dass wir uns in gewissen liebgewordenen, altehrwürdigen Traditionen und vorgefassten Meinungen geirrt haben? Wären wir bereit zu glauben, dass wir falsch lagen?

Als ich einmal unsere jüdisch-evangelistischen Traktate verteilte, kam ein junger Mann auf mich zu und forderte: „Sagen Sie mir, warum Sie das glauben. Ich will hören, warum Sie glauben!“
„Ich glaube, weil es die Wahrheit ist“, entgegnete ich.
Er schüttelte den Kopf. „Na, jetzt kommen Sie schon. Nennen Sie mir einen Grund für Ihren Glauben.“
„Beantworten Sie mir zunächst eine Frage“, bat ich. „Wenn ich Ihnen in der jüdischen Bibel zeige, dass der Messias gekommen ist – würden Sie dann glauben?“
„Nein!“, antwortete er.
„In diesem Fall haben wir im Moment eigentlich nichts zu besprechen, oder?“, schloss ich.

Wäre Aristoteles zu dem Glauben bereit gewesen, dass die Erde eine Kugel ist? Wäre er zum Glauben bereit gewesen, dass er falsch gelegen hatte? Und wir?

Wenn wir nun durch intellektuelle Nachforschungen die Wahrheit herausfinden, wären wir dann auch zu einem dem gemäßen Handeln bereit – trotz der gesellschaftlichen Konsequenzen, die das möglicherweise nach sich zieht?
Als ich einmal mit einem Bekannten die Heilige Schrift studierte, fragte ich ihn nach seiner Meinung. „Wenn ich religiös wäre, würde ich wahrscheinlich dasselbe glauben wie Sie“, sagte er zu mir.
„Aber…?“, bohrte ich.
„Aber“, fuhr er fort, „das ist mir zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens eigentlich gar nicht so wichtig.“

Die Brücke über die Kluft zwischen Begreifen und Bekennen ist die Tatsache der Überführung.

Wäre Aristoteles zu dem Eingeständnis bereit gewesen, dass die Erde eine Kugel ist? Wäre er zum Eingeständnis bereit gewesen, dass er falsch gelegen hatte? Und wir?

Es ist eine Sache, die Wahrheit über Jeschua zu begreifen. Es ist eine ganz andere Sache, ihn als Messias zu bekennen. Und die Brücke über die Kluft zwischen Begreifen und Bekennen ist die Tatsache der Überführung. Unser Glaube an Jeschua beruht nicht lediglich darauf, dass wir durch das Gewicht empirischer Beweise überzeugt worden sind. Unser Glaube beruht darauf, dass wir durch Gottes Gerechtigkeit überführt worden sind. Das Vorhandensein dieser Überführung ist es, das – gemeinsam mit dem Verlangen nach Vergebung – einen Menschen dazu antreibt, gemäß der entdeckten Wahrheit zu handeln.

Zu Jeschua zu kommen, ist keine Frage der intellektuellen Wahrnehmung. Es ist eine Frage individueller Umkehr.

In unserer Gesellschaft wird Intelligenz am höchsten geschätzt, und das ist auch ganz in Ordnung so. Wir müssen allerdings daran denken: Um die Wahrheit über Jeschua zu erkennen, ist kein glänzendes Denkvermögen nötig. Nötig ist lediglich ein gebrochener Geist, ein gebrochenes und zerschlagenes Herz. Das sind Gottes Bedingungen – ungeachtet unseres IQ.