Keine Gerechtigkeit – Gott sei Dank!

Stattdessen flehte er um Gnade… für mich. Gerechtigkeit wurde an jenem Tag durchaus vollzogen; allerdings auf höchst einzigartige Weise. Als Jeschua (Jesus) die von mir verdiente Strafe auf sich nahm, wurde Gottes Gerechtigkeit befriedigt. Jahrhunderte später wurde ich verschont. Ich habe nicht Gerechtigkeit bekommen, sondern Gnade.

Ich habe nicht Gerechtigkeit bekommen, sondern Gnade.

Einmal hatte ich ein Gespräch mit einer jungen Frau, die gegen diese „Vermählung“ von Gerechtigkeit und Gnade vehement Einspruch erhob. „Das ist Jesus gegenüber doch nicht fair“, sagte sie. „Warum sollten wir an einen Gott glauben, der seinem eigenen Sohn so etwas antut? Das ist doch keine Gerechtigkeit!“
„Nein, wirklich nicht“, stimmte ich zu. „Das ist Liebe. Und das ist Gnade Ihnen und mir gegenüber.“

Sie schien mich allerdings gar nicht zu hören. „Und was ist mit aller Ungerechtigkeit in der Welt?“, fragte sie. „Wenn Gott so gerecht ist, wo bleibt denn dann seine Gerechtigkeit? Worauf wartet er denn noch?“
„Glauben Sie mir“, entgegnete ich leise, „es ist nur zu gut, dass er wartet.“

Ironischerweise bezeichnete diese Frau sich als Christin. Nicht nur das, sie hatte kurz zuvor sogar einen theologischen Grad erworben. Aber offensichtlich hatte sie noch nie erkannt, wie nötig sie selber die Gnade Gottes brauchte. Und sie hatte noch nie darüber nachgedacht, aus welchen Gründen Gott wohl nicht auf der Stelle völlige Gerechtigkeit herbeiführt.

Als ich mir ihre Argumente zugunsten von Gerechtigkeit anhörte, dachte ich an den Unterschied zwischen ihr und einem ehemaligen Strafgefangenen namens György, mit dem ich Jahre zuvor gesprochen hatte. Die Frau hatte niemals Gerechtigkeit erfahren und forderte sie unverzüglich. György hatte Gerechtigkeit am eigenen Leib erfahren und entschieden, dass Gnade sehr viel besser sei.

Er war eben erst aus dem Gefängnis entlassen worden, als ich ihm begegnete. Die Hafterfahrungen hatten ihn nicht verhärtet, sondern vielmehr sein Herz erweicht. „Warum sollte Jesus sich denn etwas daraus machen, für mich zu sterben?“, fragte er.

Als Antwort erzählte ich ihm eine Geschichte. „Angenommen, ich habe ein Verbrechen begangen. Ich sehe mich schwersten Konsequenzen gegenüber und habe keine Ahnung, wie ich sie überleben soll. Der Richter fragt mich, ob ich irgendetwas zu meiner Verteidigung vorzubringen hätte. Und ich kann nur antworten: ‚Ich wünschte, ich könnte meine Taten ungeschehen machen‘.“ György nickte. „Doch angenommen“, fuhr ich fort, „der von mir Geschädigte steht auf und bietet an, meine Strafe selber auf sich zu nehmen.“
„Warum sollte er das tun?“, wollte György überrascht wissen.
„Weil er mich liebhat“, antwortete ich. „Weil er weiß, dass ich mein Tun aufrichtig bereue. Und weil er weiß, dass ich die verdiente Gerechtigkeit niemals überleben würde.“

„Er will, dass ich mich von meinen alten Wegen abwende“

„Was will er denn von dir?“, fragte György.
„Er will, dass ich mich von meinen alten Wegen abwende“, antwortete ich. „Er will, dass ich auf ihn höre und seinem Plan für mein Leben folge. Er will, dass ich auf seine Rückkehr warte. Und während ich darauf warte, will er, dass ich anderen erzähle: Aufgrund dessen, was er für mich getan hat, werde ich nicht verurteilt. Nun sag mir – soll ich sein Angebot annehmen?“
„Aber das ist doch unfair ihm gegenüber“, wandte György ein.
„Nein, ist es nicht. Es ist Gnade mir gegenüber. Soll ich das Angebot annehmen?“
„Du wärst ein Dummkopf, wenn du das ablehnen würdest“, antwortete György ruhig.

Wenn wir einmal begreifen, was für eine harte Gerechtigkeit wir verdient haben – dann sind wir überaus dankbar für die Gnade, die Gott uns entgegenstreckt.

Das Evangelium ist die gute Botschaft, dass Gott die Forderungen seiner Gerechtigkeit erfüllt hat und gleichzeitig uns als den Ungerechten die Strafe erspart, die uns zustünde.

„Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt worden“ (Jesaja 53,5).

Und was ist mit dem „Hinauszögern“ seiner Gerechtigkeit? In gewissem Sinne besteht die ganze Weltgeschichte nur daraus, wie Gott diese Gerechtigkeit zurückhält, die jeder und jede Einzelne von uns verdient. „Der Herr zögert nicht die Verheißung hinaus, wie etliche es für ein Hinauszögern halten, sondern er ist langmütig gegen uns, weil er nicht will, dass jemand verlorengehe, sondern dass jedermann Raum zur Buße habe“ (2. Petrus 3,9).

Ich bin froh, dass Jesus bis zum 13. März 1977 noch nicht zurückgekehrt war und der Welt noch nicht seine Gerechtigkeit gebracht hatte. Wäre das geschehen, dann hätte ich mich der verdienten Gerechtigkeit stellen müssen. Aber zu meinem „Glück“ hat Gott diesen Tag der Gerechtigkeit lange genug aufgeschoben, dass ich noch zur Besinnung kommen konnte. Am 14. März 1977 tat ich Buße und übergab ihm mein Leben.

Aber Jesus kommt bald

Der „Aufschub“ von Gottes Gerechtigkeit währt auch heute noch. Aber Jesus kommt bald; und bei seiner Rückkehr wird vollkommene Gerechtigkeit vollstreckt. Doch in der Zwischenzeit wartet Gott noch und wirkt in seiner Gnade.

Beten Sie bitte, dass wir Juden für Jesus treue Botschafter der Gnade Gottes sind, solange es ihm noch gefällt, zu „zögern“.