War Jesus der Gründer des Christentums?

Der Glaube an Jesus ist von seiner Wurzel her jüdisch.

Egal, an welcher Stelle man Jesus ins Mosaik des Judentums im ersten Jahrhundert einfügt: der Glaube an Jesus ist von seiner Wurzel her jüdisch. Wir sprechen ganz bewusst vom „Glauben an Jesus“; denn während zwar die Nachfolger Jesu in den ersten paar Jahrhunderten ihres Glaubens tatsächlich als „Christen“ bezeichnet wurden, wäre es dennoch nicht korrekt, diesen Glauben als „Christentum“ zu bezeichnen: Dieses Etikett erschien nämlich erst um einiges später auf der Bildfläche.

Der Reform-Rabbiner Evan Moffic formuliert es so: „Jesus hat nicht das Christentum gestartet. Jesus hat als Jude gelebt und ist als Jude gestorben. Das Christentum entwickelte sich nach seinem Tod als Abzweigung des Judentums, trennte sich schließlich ganz von ihm ab und wurde eine eigenständige Religion. Die Glaubensinhalte und Praktiken dieser Religion unterscheiden sich vom Judentum, bleiben aber nichtsdestotrotz in ihm verwurzelt.“1

Jesus hatte mit anderen Juden seiner Tage vieles gemeinsam, obwohl er sich auch von ihnen unterschied. Als Jude wurde er am achten Tag beschnitten; die Auslösung des Sohnes („Pidjon haBen“) wurde einen Monat nach seiner Geburt gemäß der Sitte im ersten Jahrhundert vollzogen; er hielt das Passahfest. Beim Laubhüttenfest (Sukkot) war er in Jerusalem und befand sich auch an Chanukkah (dem Fest der Tempelweihe) im Tempel. Er ging regelmäßig in die Synagoge und wurde bei mindestens einer Gelegenheit aufgefordert, aufzustehen und über das zu reden, was wir heute als „Haftarah“ bezeichnen würden 2.

In seinen Lehren betonte Jesus jüdische Werte

In seinen Lehren betonte er jüdische Werte wie Ehrerbietung gegenüber Vater und Mutter und Wohltätigkeit (Zedakah). Und trotzdem hatte Jesus an gewissen jüdischen Überlieferungen, an einigen Pharisäern und Sadduzäern einiges auszusetzen. Deshalb ist Jesus auch schon leicht spöttisch als „erster Reform-Rabbiner“ bezeichnet worden. Er heilte Menschen am Sabbat, wohingegen andere Leute Heilungen am Ruhetag für unangebracht hielten. Er redete und lehrte mit einer Autorität, die kein anderer Rabbi zu beanspruchen wagte. Und trotzdem trugen sich all diese Dispute innerhalb des Judentums im ersten Jahrhundert zu. Fachleute und Theologen streiten sich über die besondere Art des von Jesus repräsentierten Judentums; Judentum war es aber auf jeden Fall. Es gab ja noch überhaupt nichts, was man „Christentum“ hätte nennen können.

War Jesus also der Gründer einer neuen, nichtjüdischen Religion?

War Jesus also der Gründer einer neuen, nichtjüdischen Religion? Nein, das war er nicht. Bei einer Begegnung sagte nämlich eine Samaritanerin zu ihm: „Ich weiß, dass der Messias kommt; wenn er kommt, wird er uns alles verkündigen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet.“ (Johannes 4,25-26)

Rich Robinson, San Francisco
Hauseigener Wissenschaftler und Missionar

Rich Robinson ist Missionsveteran und für die Forschungsabteilung im Hauptquartier von Juden für Jesus in San Francisco leitend verantwortlich. Er ist Autor mehrerer Bücher über jüdische Identität und Jesus; seine Doktorarbeit hat er 1993 am Westminster Theological Seminary in Bibelkunde und Hermeneutik abgelegt.

Fußnoten:

  1. Rabbi Evan Moffic: What Every Christian Needs to Know About the Jewishness of Jesus: A New Way of Seeing the Most Influential Rabbi in History [Nashville: Abingdon Press 2015), S. xi; Übersetzung des vorliegenden Abschnitts: L.K.
  2. „Haftarah“ d.h. die Lesung aus den Propheten, Anm. d. Übers.