Das Evangelium ist kein Lebensstil

Die Menschen müssten das Evangelium im Leben des Gläubigen sehen.

Die Menschen müssten das Evangelium im Leben des Gläubigen sehen. Er schloss sein Argument mit einem paraphrasierten Spruch, der Franz von Assisi zugeschrieben wird: „Sei stets bereit, das Evangelium zu verkündigen. Und wo nötig, gebrauche Worte.“
Bei diesem Zitat gibt es zwei Probleme. Erstens hat Franz von Assisi das gar nicht gesagt. Die Worte finden sich erstmals in einer Quelle, die einige Jahrhunderte später datiert wird.

Zweitens jedoch (und viel wichtiger): Die Annahme, wir könnten die Botschaft des Evangeliums auch ohne Worte mit ausreichender Deutlichkeit weitersagen, offenbart ein fundamentales Missverständnis hinsichtlich der Evangeliumsbotschaft an und für sich. Triebfeder dieser Botschaft ist nämlich einzig und allein ihr Inhalt.

Man kann zwei Arten von Botschaften unterscheiden: Triebfeder der einen ist Verhalten, Triebfeder der anderen ist Inhalt. Erstere lässt sich durch Taten adäquat zum Ausdruck bringen – vielleicht sogar besser als mit Worten. Letztere dagegen muss zuerst einmal erklärt werden. Eine solche Botschaft enthält nämlich ganz bestimmte Informationen, die ausgesprochen und nicht nur angedeutet werden müssen.

Liebe ist eine „verhaltensgetriebene“ Botschaft. Kinder verstehen und erleben die Liebe ihrer Eltern nicht zuerst durch das, was ihre Eltern sagen, sondern durch das, was ihre Eltern tun. Gott selber hat seine Liebe durch die Tatsache gezeigt, dass er für uns gestorben ist, während wir noch feindselige und machtlose Sünder waren (Römer 5,6-10).

Nun ein Beispiel für „inhaltsgetriebene“ Botschaft. Angenommen, ich muss morgen früh um 05:30 Uhr am Flughafen Budapest sein, um den Flug nach Berlin um 07:26 Uhr zu erreichen. Zwei Flüge starten fast zur gleichen Zeit: einer mit RyanAir, der andere mit Lufthansa. Mein Flug geht mit RyanAir. Würde ich am Lufthansa-Schalter einchecken, wäre das die falsche Warteschlange, denn dort würde man mein Ticket nicht akzeptieren. Jetzt steigern wir die Dramatik noch ein bisschen: Mein Leben hängt davon ab, dass ich den Flug erreiche – und zwar den richtigen Flug. Meine Ehefrau Ruth hat alle Informationen, die ich brauche. Wie kann sie mir diese Informationen übermitteln? Indem sie mir zeigt, dass sie mich liebhat? Kann sie mich in den richtigen Flug hineinlieben? Nein; Datum, Flugnummer und Abflugzeit muss sie mir schon sagen.

Nehmen wir weiterhin an, ich bin von Natur aus ein skeptischer Zyniker und neige ganz von selbst zum Misstrauen gegenüber jeglichen Informationen, die ich von ihr oder irgendjemand anderem bekomme. In diesem Fall leistet ihre Liebe durchaus einen hilfreichen Beitrag, sodass ich der Wahrhaftigkeit ihrer Aussagen vertrauen und ihren Äußerungen Glauben schenken kann. Aber ihre Liebe ist eben nicht Inhalt dieser Botschaft. Ihre Liebe ist Bestätigung der Botschaft. Den Inhalt muss ich trotzdem erst noch hören, damit ich ins richtige Flugzeug steige.

Das Evangelium ist eine lebensrettende Botschaft.

Das Evangelium ist kein Lebensstil; es ist kein lebensveränderndes Modell. Das Evangelium ist eine lebensrettende Botschaft. Wir sind durch unsere Sünde von Gott getrennt. Aus uns selbst haben wir keine Macht, unser rebellisches Wesen zu ändern – nicht einmal, wenn wir das wirklich wollen. Wir sind in unserem gegenwärtigen Leben die Sklaven unserer eigenen Rebellion; und wir gehen der Strafe entgegen, nach unserem Tod die Ewigkeit von ihm getrennt zuzubringen. Doch in seiner unergründlichen Liebe hat der Vater den Sohn gesandt, um als Bezahlung für unsere Sünden zu sterben und von den Toten aufzuerstehen, damit wir ihn um Vergebung bitten und seine Begnadigung erhalten können.

Wenn wir Buße tun und unser Vertrauen einzig und allein auf das setzen, was Jeschua (Jesus) für uns getan hat, dann rettet er uns aus der Gewalt der Sünde über unser gegenwärtiges Leben; und er bewahrt uns vor der ewigen Bestrafung, die unsere Sünden verdient haben.

Das ist Inhalt. Der muss von dem einem Menschen gesagt und erklärt werden; vom anderen muss er verstanden, geglaubt und angenommen werden.

Besteht eine Verbindung zwischen Inhalt und Verhalten? Unbedingt. Verhalten ist oft die Bestätigung für die Wahrhaftigkeit des Inhalts; genauso sollte es auch sein. Und genau dieses Prinzip hat Jesus auch in allen Berichten der Evangelien erklärt. Wieder und wieder tat er seine Wunder als Bestätigung der Ansprüche, die er für sich selbst erhob.

Wieder und wieder tat er seine Wunder als Bestätigung der Ansprüche, die er für sich selbst erhob.

Ein ganz besonders bewegendes und herausforderndes Beispiel für diese Standard-Vorgehensweise finden wir in Markus 2, wo Jeschua den Gelähmten heilt. Bevor er das Wunder tat, erhob er einen regelrecht dreisten Anspruch. Ja, der Anspruch wäre sogar gotteslästerlich gewesen, wenn er nicht der Wahrheit entsprochen hätte. Jeschua wandte sich an den Gelähmten und sagte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Der Text selber erklärt genau, warum er dann das Wunder tat und den Gelähmten heilte: „Damit ihr wisst…“

Hätte er den Gelähmten lediglich geheilt, hätte niemand aus der Volksmenge aufgrund dieser Handlung begriffen, dass Jesus die Vollmacht der Sündenvergebung hat.

Jeschua bestätigte die Ansprüche seiner Lippen mit dem Agieren in seinem Leben. Genauso sollten wir es auch machen. Unser Leben sollte ein lebendiges Zeugnis dessen sein, was wir glauben und als Wahrheit verkünden.

Verkünden müssen wir aber dennoch. Wir müssen dennoch den Inhalt der Botschaft weitersagen. Wir müssen mit Worten Zeugnis davon ablegen, was wir als Wahrheit kennen.
Laut Definition ist „Zeugnis“ der Beweis zur Untermauerung eines Anspruchs. Damit ein Zeugnis überhaupt Sinn ergibt und Gewicht hat, muss der Anspruch ausgesprochen werden.

An einem Weihnachtstag in Budapest schaute ich zu, wie eine Gruppe Leute hunderten von Obdachlosen und unterprivilegierten Männern, Frauen und Kindern zu essen gab. Man hatte Zelte aufgebaut; die Suppenküchen waren in vollem Gang; die Leute warteten ruhig und dankbar in der Schlange, bis auch sie eine kostenlose warme Mahlzeit bekamen. Da hätte leicht jemand zu mir sagen können: „Das ist doch mal ein richtiges Zeugnis fürs Evangelium. Da braucht es keine scheinheiligen Worte. Einfach nur echte Evangeliumsliebe. Die zeigt sich doch darin, wie diese Leute die Armen speisen.“ Da gibt’s nur ein Problem. Wer da die Armen speiste, gehörte nämlich zur örtlichen Gruppe von Hare Krishna.

Christen sind nicht die einzigen, die Taten des Mitgefühls und der Nächstenliebe tun können!

Christen sind nicht die einzigen, die Taten des Mitgefühls und der Nächstenliebe tun können! Christen sind allerdings sehr wohl die einzigen, die eine zu Buße und rettendem Glauben führende Botschaft verkünden können. Christen sind die einzigen, die sich im Besitz der Evangeliumsbotschaft befinden. Triebfeder dieser Botschaft ist ihr Inhalt; und ihre Grundsätze müssen ausgesprochen werden, damit man sie ergreifen kann. Der Inhalt dieser Botschaft ist die einzige Rettungsmöglichkeit.

Der Apostel Paulus schreibt an die Römer: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen“ (Römer 1,16). Mit Erwähnung „des Evangeliums“ bezieht er sich nicht auf einen von ihm vorgelebten Lebensstil. Er bezieht sich auf die von ihm verkündigte Botschaft. Denn „der Glaube [kommt] aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort“ (Römer 10,17).

Möge das Verhalten in unserem Leben stets die Wahrhaftigkeit dessen bestätigen, was wir glauben! Doch mögen unsere Lippen nie darin versagen, den Inhalt der einzigen rettenden Botschaft zu verkündigen!