Eine befreiende Lektion

Ein Gott. Ein Evangelium. Dringend müssen die Verlorenen die einzige Botschaft hören, die sie retten kann. Als Missionar von Juden für Jesus verkünde ich tagtäglich diese Wahrheiten. Aber selbst Evangelisten vergessen manchmal, warum und weshalb wir denn eigentlich tun, was wir da tun.

Das möchte ich näher erklären: Mitte Dezember 2008 verließen meine Familie und ich unseren Posten in Israel. Wir waren unterwegs nach San Francisco, wo ich zehn Monate lang unserem leitenden Direktor David Brickner „als Schatten folgen“ sollte. Ich hatte bereits das Wachstum anderer Teammitglieder beobachtet, die Zeit mit David verbracht hatten, und so freute ich mich wirklich auf diese Erfahrung.

Stattdessen fand ich mich in London und im „Leerlauf“. Visa-Probleme. Mein Leben ist in der „Warteschleife“ verlaufen.
Ich fühlte mich ein wenig ziellos und fragte mich: Was mache ich denn eigentlich hier? Die Enttäuschung steigt, die Motivation sinkt; mit ihr sinkt auch mein evangelistischer Eifer.

Was passiert eigentlich, wenn ein Missionar von seiner eigenen traurigen Lage zu sehr gefangen ist?

Was passiert eigentlich, wenn ein Missionar von seiner eigenen traurigen Lage zu sehr gefangen ist, um sich der Macht des Heiligen Geistes unterzuordnen? Folgendes ist mir passiert.

Begeistert fühlte ich mich nicht unbedingt, als ich mit meinem damaligen Kollegen Barry und einem erstmaligen Freiwilligen namens Duncan zur U-Bahn-Station Golders Green ging, um meinen Glauben zu bezeugen. Sobald wir aus der Station herauskamen, bombardierten die Geräusche und Gerüche der Londoner Busse meine Sinne. Es waren viele Leute da – viele jüdische Leute. Ich schaute zu, wie Duncan die Vorübergehenden in Gespräche zog. Das war sowohl ermutigend als auch erschreckend. Er als Freiwilliger schien ganz locker an die Aufgabe heranzugehen. Und ich als ausgebildeter Missionar hatte zu kämpfen.

Ich fühlte mich in mir selbst gefangen – eine Geisel meiner eigenen Unzufriedenheit. Ich musste unbedingt beten. Also betrat ich eine kleine Cafeteria, um ein paar Augenblicke Ruhe zu finden. Ich schloss die Augen und bat Gott um Befreiung von allem, was mich zurückhielt, sodass ich wieder frei und offen Zeugnis ablegen könnte.

Kaum dreißig Sekunden waren vergangen, als ein jüdischer Mann auch schon mein T-Shirt sah und auf mich zukam. Alan stellte mir Fragen, und ich lud ihn ein, sich mit mir hinzusetzen. Als er sich auf einen Stuhl niederließ, erklärte er: „Also, wissen Sie, ich bin mir meiner jüdischen Identität ganz schön sicher. Da werden Sie mich ganz bestimmt nicht bekehren.“ Ich lachte still in mich hinein bei dieser nur zu bekannten Einleitung, zu der sich sehr viele jüdische Suchende verpflichtet sehen. Ich versicherte Alan, dass ich ihm einfach nur meine Glaubenseinstellungen erläutern wolle. Dabei dachte ich im Stillen, dass ich den Rest ruhig Gott überlassen wolle.

Bei unserem Gespräch fing mein Herz wieder Feuer; meine Leidenschaft fürs Evangelium wurde neu entfacht. Ich sah, wie Alan über die Herausforderungen nachdachte, die ich ihm vorgelegt hatte. Er wusste, dass er seine Seele ein wenig durchforsten musste. Gott wirkte; ich lächelte. Die Worte, die ich zu Alan gesagt hatte, waren genau die Worte, die ich hören musste. Beim Verlassen der Cafeteria war ich überglücklich darüber, dass Gott mich freigemacht hatte.

Diese Begegnung erinnerte mich: Wenn uns unsere eigenen Gefühle gefangen nehmen, überschüttet Gott uns nicht einfach – zack – mit den Gefühlen, die wir uns gerade wünschen. Stattdessen gibt er uns die Möglichkeit, unsere Probleme zu konfrontieren und aus uns selbst herauszugehen, indem wir anderen dienen.

Bevor der Messias in mein Leben kam, war ich durch meine eigenen sündigen Lüste gefesselt. In ihm dagegen bin ich frei, um gute Werke zu wählen. Wie immer die Situation und der Druck auch aussehen mag – ich kann Gott vertrauen, der mich durch das Blut Jeschuas bereits befreit hat.

Vertrauen heißt, sich in der Versuchung und Prüfung an ihn zu wenden. Ich kann ihm meine Sünde und Ich-Zentriertheit bekennen. Ich kann mich dafür entscheiden, mutig im Glauben loszugehen. Genau das können Sie auch.

Ich brauche kein Visum, um dorthin zu gelangen, wo Gott mich haben möchte.

Ich brauche kein Visum, um dorthin zu gelangen, wo Gott mich haben möchte. Die „Mächte dieser Zeit“ mögen in der Lage sein, mein Kommen und Gehen zu behindern; doch die Macht des Heiligen Geistes übersteigt jedwede Situation. Wir können uns für die Konzentration auf gewisse Einschränkungen entscheiden, die sich unserer Kontrolle entziehen. Andererseits können wir aber auch demjenigen vertrauen, der tatsächlich die Kontrolle hat. Dann können wir unsere Konzentration darauf ausrichten, was uns (und andere) freimacht: Ein Gott. Ein Evangelium.

(Anm. d. Red.: Während dieser Text in London geschrieben wurde, bekam Yoel nach zehnmonatiger Wartezeit schließlich doch noch sein Visum und konnte mit seiner Familie nach San Francisco reisen.)