Glaube? Nein Danke! Das habe ich einmal versucht…

Sehr gut erinnere ich mich an meine erste Begegnung mit Ilya Lizorkin.

Das war im Oktober 1991. Meine Frau Ruth und ich waren zusammen mit unseren Kindern und einer Kollegin erst wenige Wochen zuvor nach Odessa (Ukraine) gezogen. Wir waren in die gerade zusammenbrechende Sowjetunion gekommen, um die Arbeit von Juden für Jesus in diesem Teil der Welt aufzubauen. An jenem bewussten Tag, als ich Ilya begegnete, stand ich vor dem Spartak-Café in der Derebasovskaya-Straße und trug ein Hemd mit der Aufschrift „Juden für Jesus“ in Russisch, Englisch und Hebräisch. Als ich gerade meine jüdisch-evangelistischen Traktate verteilte, kam Ilya auf mich zugerannt, zeigte überschwänglich auf die Worte auf meinem Hemd und begann, ganz aufgeregt auf mich einzureden. Aber da hatten wir einen klaren Nachteil: Ich sprach nämlich (noch) kein Russisch, er sprach (noch) kein Englisch. Also reichte ich ihm eine kleine Karte, auf der geschrieben stand: „Es tut mir Leid, dass ich kein Russisch spreche. Schreiben Sie doch Ihren Namen, Ihre Anschrift und Ihre Telefonnummer auf, sofern Sie eine haben.
Meine russischsprachigen Kollegen werden dann Kontakt mit Ihnen aufnehmen und erklären, warum wir glauben, dass Jesus der verheißene Messias ist.“

Ilya schrieb seinen Namen und seine Telefonnummer auf. Nach weniger als einer Woche hatte er dem Herrn bereits sein Herz übergeben. Eine Woche später begannen wir die Jüngerschaftsanleitung.

Heute ist Ilya Pastor einer russischsprachigen Gemeinde namens „Rock of Israel“ in Philadelphia (wenn er gerade nicht im Reisedienst, als Gastlehrer oder Autor aktiv ist). Im Jahr 2005 diente er eine Woche lang als geistlicher Mentor für Mitarbeiter und Freiwillige unseres evangelistischen Einsatzes auf den Straßen Berlins. Seine Predigten waren inspirierend und erquickten unsere Herzen. Aber ehrlich gesagt, ist er der geborene Evangelist. Darum bin ich nie überrascht, wenn ich von ihm einen Anruf oder eine Email mit der schlichten Nachricht bekomme: „Lieber Papa, hier spricht dein geistlicher Sohn. Wollte dich nur wissen lassen, dass du jetzt einen weiteren geistlichen Enkel im Königreich hast. Liebe Grüße, Ilya.“

Alles, was wir für den Herrn tun, trägt dauerhafte Früchte.

Gott hat mich auf höchst einzigartige Weise gesegnet. Bei meinem Dienst als Missionar unter meinem Volk hat der Herr mir in den vergangenen Jahrzehnten das ungewöhnliche Vorrecht gewährt, eine ganze Menge dauerhafter Früchte zu sehen – so etwa Ilya und seine „geistlichen Söhne und Töchter“. Deshalb bin ich bestimmt nicht unbedingt der Geeignetste für das, was ich jetzt sagen möchte. Ich sage es aber trotzdem: Alles, was wir für den Herrn tun, trägt dauerhafte Früchte – sogar dann, wenn wir selber in der Regel kaum etwas davon sehen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache: Jedes gesäte Samenkorn, jedes gesprochene Wort, jede für den Herrn vollbrachte Geste trägt dauerhafte Frucht von Ewigkeitswert. Der Apostel Paulus hat es sehr viel besser (aber nicht weniger ausdrücklich) formuliert, als er unter Eingebung des Heiligen Geistes schrieb: „Darum, meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn“ (1. Korinther 15,58). Die Liste von Versen zur Bezeugung dieser Wahrheit ist beeindruckend (ein paar Beispiele sind Jesaja 55,11; Matthäus 13,23; Römer 10,16; und Galater 6,9).

Einen meiner Lieblingsverse möchte ich Ihnen wörtlich zitieren:
„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Wer weinend hingeht und den Samen zur Aussaat trägt, der kommt gewiss mit Freuden zurück und bringt seine Garben“ (Psalm 126,5-6).

„…Seid fest, unerschütterlich, nehmt immer zu in dem Werk des Herrn…“

Wir haben also zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Wir können glauben, dass die Bibel wahr ist; dann können wir weiterhin treu und fruchtbar wirken – ungeachtet dessen, was wir sehen. Wir können allerdings auch schließen, dass die Bibel falsch ist und dass Gott ganz gerne übertreibt – weil wir nämlich nicht die unmittelbaren Ergebnisse sehen, die wir gerne sehen würden.

Eines Nachmittags im Frühling 1967 ging ich gerade die 57. Straße in Manhattan (New York City) entlang; da bemerkte ich einen kleinen alten Mann, der sich verstohlen und etwas ängstlich gegen die Mauer eines Gebäudes am Bürgersteig lehnte. Wenn jemand vorbeikam, fuhr er mit der Hand in eine gegen seine Brust gedrückte Papiertüte, zog ein Stück Papier heraus und hielt es mit einem schmerzlichen Aufschluchzen in Richtung des Vorübergehenden. Ich weiß nicht warum – aber mir war sofort klar, dass diese Papierzettel irgendetwas mit „Religion“ zu tun hatten. Ich beschloss, „nur so zum Spaß“ einen anzunehmen. Auf dem Zettel standen die Worte aus Johannes 3,16. Und „einfach aus Ulk“ beschloss ich später, diese Worte auswendig zu lernen, um vor meinen Schulfreunden damit prahlen zu können, dass ich einen Vers aus dem Neuen Testament kannte.

Ich habe diesen kleinen Mann nie mehr wiedergesehen. Aber zehn Jahre und viele Begegnungen, Bekanntschaften und Gespräche später übergab ich mein Herz schließlich dem Herrn. Nach meinem Wissen hat dieser Mann auf der 57. Straße das erste Samenkorn gesät. Aber sollte er mir ins Gesicht geblickt haben, als ich den Zettel annahm (ich weiß nicht, ob er das getan hat), hätte er dort keinerlei Anzeichen von echtem Interesse erkannt. Ich frage mich, ob er am Ende jenes Tages wohl entmutigt war. Ich frage mich, ob er diese Zettelchen wohl jemals wieder verteilt hat.

Wenn ich jetzt zu Ihnen sagen würde: „Ich habe einmal gebetet, aber es hat anscheinend nicht funktioniert“? Oder: „Ich habe ein- oder zweimal ein paar Teile aus der Bibel gelesen, aber sie ergab für mich keinen Sinn“? Oder: „Ich habe mal einen Gottesdienst in einer sehr netten Gemeinde besucht. Dort schien jeder Jesus zu lieben, die Musik war schön, und die Leute waren richtig freundlich. Aber der Predigt konnte man nur schwer folgen, und deshalb bin ich nie dorthin zurückgekehrt“? Wenn ich zu Ihnen sagen würde, als Glaubender bräuchte ich weder zu beten noch die Bibel zu lesen noch mit anderen Gläubigen Gemeinschaft zu haben? Wenn ich Ihnen sagen würde, diese Dinge seien einfach nicht meine Berufung und auch nicht meine Geistesgaben?

Evangelisation ist tatsächlich eine Gabe.

Evangelisation ist tatsächlich eine Gabe. Zeugnisgeben für den Herrn jedoch nicht! Das ist eine geistliche Disziplin, deren Ausübung im Glauben der Herr von uns allen erwartet – genau wie Gebet, Bibellese, das Geben und die Gemeinschaft mit gleichgesinnten Gläubigen. Und jede dieser im Glauben praktizierten Disziplinen trägt Früchte, ob wir nun etwas davon sehen oder nicht.

Einmal aßen Ruth und ich mit einem lieben christlichen Ehepaar zu Abend; sie erzählten von einer Sehnsucht und einer Enttäuschung. Einerseits wünschten sie sich, dass ihre Gemeinde sich aktiver an direkter Evangelisation beteiligen und sich nach den verlorenen Menschen ihrer Stadt ausstrecken möge. Andererseits jedoch gestanden sie auch ihre Enttäuschung ein: Als junge Gläubige hatten sie etwa fünfzehn Jahre zuvor oft vom Herrn Zeugnis gegeben. „Wir haben Traktate verteilt, wir haben Lieder gesungen, wir haben auf der Straße mit Leuten gesprochen – und wir haben kein einziges Mal erlebt, dass auch nur ein einziger Mensch zum Glauben gekommen wäre. Es war die reinste Zeitvergeudung.“ Als sie zu Ende gesprochen hatten, sagte ich: „Wenn Jesus wiederkommt, hoffe ich in einem Teil von mir, dass ich direkt neben euch stehen werde. Ich würde nämlich gar zu gern euer Gesicht sehen, wenn ihr plötzlich erkennt, wie viele Tausende von Leuten aufgrund eurer Handlungsweise im Reich Gottes sind.“

Dieser Zettel hat letztendlich mein Leben verändert.

Nur eines bedauere ich, wenn ich an diesen kleinen alten Mann denke, der mir 1967 auf der 57. Straße diesen Zettel gegeben hat: Ich habe ihm nicht ins Gesicht geblickt und kann mich deshalb nicht erinnern, wie er aussah. Ich weiß nicht, wer er ist, und ganz bestimmt weiß er nicht, wer ich bin. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Das Ereignis liegt nun mehrere Jahrzehnte zurück, und er war schon damals betagt. Aber nach Jeschuas Wiederkunft werde ich wissen, wer er ist. Und ich habe beschlossen, dass ich auf ihn zugehen, ihm ins Gesicht blicken und zu ihm sagen werde: „1967 hast du einem sechzehnjährigen Jungen einen Zettel gegeben. Dieser Junge war ich, und dieser Zettel hat letztendlich mein Leben verändert.“ Dann will ich lächelnd hinzufügen: „Und jetzt möchte ich dir gern einen deiner geistlichen Enkel vorstellen. Er heißt Ilya Lizorkin.“