Warum denn einschüchtern lassen?

Eigentlich hätte ich mich eingeschüchtert fühlen müssen. Schließlich klang seine Stimme eindeutig drohend.

„Wenn ihr eure Flugblätter auch weiterhin auf dem Campus verteilt, werde ich dafür sorgen, dass meine Leute Gegenmaßnahmen ergreifen“, sagte er.
„An was für Gegenmaßnahmen haben Sie denn so gedacht?“, fragte ich.

„Wir leben ja schließlich in einem freien Land. Wenn du ein Götzendiener sein und deinen Zimmermann aus Galiläa anbeten willst, ist das deine Angelegenheit. Aber wenn ihr das Torah-treue Judentum beleidigt – wenn ihr jüdische Symbole benutzt, und wenn ihr euch immer noch Juden nennt, und wenn ihr diese Flugblätter verteilt, die alles verzerren, was das Judentum lehrt – dann solltet ihr besser bereit sein, den Konsequenzen ins Auge zu blicken.“
„Und die wären…?“, fragte ich.
„Immer, wenn deine Leute da sind, werden wir auch da sein und unsere eigene Literatur verteilen.“
„Nun“, sagte ich, „dazu haben Sie auf jeden Fall das Recht.“

Einen Moment lang entstand eine Pause in der Leitung. Dann sagte der Anrufer: „Es wird euch ganz und gar nicht gefallen, was wir da verteilen.“
„Ach?“, fragte ich.
„Ich habe da zufällig ein (übrigens sehr gut geschriebenes) Flugblatt. Es wirft die Frage auf, ob euer lieber Zimmermann überhaupt jemals existiert hat. Zufällig enthält dieses Flugblatt eine ganze Menge Belege dafür, dass diese von euch angebetete Person von einem Römer erfunden wurde.“

Wieder entstand eine Pause in der Leitung, und dann nahm die Stimme meines Anrufers den spöttischen Ton geheuchelter Besorgnis an. „Also, wir werden versuchen, euren nichtjüdischen Freunden keines dieser Flugblätter zu geben. Schließlich wollen wir ihnen ja nicht antun, was ihr uns antun wollt. Aber weißt du… Wir wissen ja gar nicht, ob nur Juden dieses Flugblatt in die Hand kriegen. Also wird wohl ein Teil unserer Literatur auch euren nichtjüdischen Freunden in die Hände fallen. Wenn die sich dann aufregen, können wir leider nichts dagegen machen.“
Dadurch sollte ich wohl noch mehr eingeschüchtert werden.

„Nun, machen Sie einfach, was Sie wollen“, sagte ich. „Ich glaube nicht, dass sich allzu viele Leute aufregen.“
„Oh doch, aufregen werden sich die Leute“, versicherte mein Anrufer. „Aufregen werden sich die Leute. Es könnte nämlich sein, dass wir ein paar dieser Flugblätter in einige Gemeinden legen und damit euren Pastoren-Freunden die Wahrheit über diesen Jesus mitteilen.“ Hier hielt er wieder inne – vielleicht wollte er das Ausmaß seiner Worte auf mich wirken lassen. Nachdem er mir wohl seiner Meinung nach ausreichend Bedenkzeit eingeräumt hatte fragte er: „Also, wollt ihr weiterhin diese Flugblätter verteilen, die alles verzerren, was die Torah als wahres Judentum lehrt?“

„Ob wir unsere Literatur auch weiterhin verteilen werden… Da kann ich Ihnen versichern.“

„Ob unsere Flugblätter eine Verzerrung darstellen, ist die eine Frage“, erwiderte ich. „Darauf sagen Sie ‚ja‘, ich sage ‚nein‘. Ob Ihre Lehre der Torah entspricht, ist die andere Frage. Darauf sagen Sie ‚ja‘, ich sage ‚nein‘. Aber wenn Sie wissen möchten, ob wir unsere Literatur auch weiterhin verteilen werden… Da kann ich Ihnen versichern: Das werden wir ganz bestimmt tun!“

„Ihr zwingt mich also, aktiv zu werden“, meinte mein Anrufer.
„Ich zwinge Sie zu überhaupt nichts, mein Freund“, entgegnete ich. „Sie können tun, was Sie wollen. Wie Sie es selbst schon so treffend formuliert haben – wir leben ja schließlich in einem freien Land.“

Daraufhin sprach er seine letzte Warnung aus. „Ich glaube, du solltest lieber mal bei eurem Missionsleiter Moishe Rosen nachfragen. Ich weiß nämlich zufällig, dass es ihm ganz und gar nicht gefallen würde, wenn unsere Flugblätter einigen seiner Freunde in die Hände geraten. Weißt du, dieser Freunde, die ihm all sein Geld geben. Also glaube ich, da solltest du lieber mal nachfragen.“
„Da brauche ich nicht nachzufragen“, teilte ich ihm mit. „Und das habe ich auch nicht vor.“
„Werdet ihr weiterhin eure Flugblätter verteilen?“, fragte er.
„Jawohl“, sagte ich.
„Ihr zwingt mich also, aktiv zu werden.“

Vermutlich hätte ich mich eingeschüchtert fühlen sollen.

„Verzeihen Sie mir bitte, dass ich das sagen muss“, meinte ich. „Aber wir fangen an, uns zu wiederholen. Das führt mich zu der Annahme, dass wir einander nichts mehr zu sagen haben.“ Ich verabschiedete mich, und mein Anrufer legte auf.

Vermutlich hätte ich mich eingeschüchtert fühlen sollen. Aber das war mir gar nicht möglich – und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat Gott uns schon durch den Propheten Jesaja mitgeteilt: „Hört auf mich, ihr, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, das mein Gesetz im Herzen trägt! Fürchtet euch nicht vor dem Schmähen der Menschen und entsetzt euch nicht vor ihrem Lästern“ (Jesaja 51,7).

Und zweitens: Warum sollte ich mich einschüchtern lassen, wo mein Anrufer doch nur bestätigte, was ich ohnehin schon wusste – dass unser Handeln nicht ohne Wirkung bleibt?

Vielleicht hat ja mein Anrufer einen Schimmer von Verständnis für meine Sichtweise bekommen. Wissen Sie: Was auch immer geschieht – Gott wird es zu seiner Ehre verwenden.

Was auch immer geschieht – Gott wird es zu seiner Ehre verwenden.

Wenn sich kein Widerstand erhebt, predigen wir ungehindert das Evangelium. Wenn sich doch Widerstand erhebt, erregt der zusätzliche Lärm einfach nur die Aufmerksamkeit derjenigen, die das von uns angesprochene Thema bislang noch nicht wahrgenommen haben.
Der Anruf hätte mich einschüchtern sollen. Stattdessen wurde ich durch ihn ermutigt.

Ich dachte an 1. Korinther 15,58: „Darum, meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn.“