Der Tag, an dem der Midrasch lebendig wurde

Schawuot ist eigentlich ein Fest für Bauern. Zumindest hat es so angefangen. Heute feiern wir es als den Jahrestag, an dem Gott uns die Tora am Berg Sinai gegeben hat. Und im ersten Jahrhundert n. Chr. erlebten einige jüdische Menschen in Jerusalem ein ganz außergewöhnliches Schawuot.

Vom Ackerboden zum Sinai

Schawuot (das hebräische Wort für „Wochen“) ist ein Feiertag mit vielen Namen. Im Tanach wird es oft einfach das „Wochenfest“ genannt.¹ Andere Bezeichnungen sind „Tag der Erstlingsfrüchte“² und „Erntefest“.³ (Je nach Bibelübersetzung können die Namen leicht unterschiedlich sein.)

Die verschiedenen Namen von Schawuot zeigen uns einige wichtige Dinge. Erstens ist das „Wochenfest“ eine Zeitangabe, denn der Feiertag findet 49 Tage – also sieben Wochen – nach Pessach statt. Diese Zeit von 49 Tagen nennt man den Omer („Garbe“), und viele jüdische Menschen zählen diese Tage bewusst bis Schawuot kommt.

Das Wort „Garben“ zeigt uns auch, dass es ursprünglich ein landwirtschaftliches Fest war. Vor Tausenden von Jahren feierten unsere Vorfahren an Schawuot die zweite der beiden Frühjahrsernten: die Weizenernte. (Die erste Ernte, die Gerste, wurde sieben Wochen früher eingebracht.)

Der Gedanke der Erstlingsfrüchte bedeutet außerdem, dass man die ersten Früchte der Ernte als Opfergabe zu Gott brachte und sie dem Kohen (Priester) übergab.

In der Zeit des Zweiten Tempels bekam das Fest noch eine weitere Bedeutung – und genau darauf konzentrieren wir uns heute vor allem: Schawuot wurde als der Jahrestag verstanden, an dem Gott Israel am Berg Sinai die Tora gab. Dadurch bekam Schawuot eine Bedeutung, die über die Landwirtschaft hinausging, und wurde mit den anderen jüdischen Feiertagen verbunden, die an historische Ereignisse erinnern.

Ein ganz besonderes Schawuot

Viele Wissenschaftler haben sich mit den jüdischen Hintergründen des Neuen Testaments beschäftigt. Einige von ihnen weisen auf ein bestimmtes Schawuot im Buch der Apostelgeschichte hin. Im Griechischen – der Sprache, in der das Neue Testament geschrieben wurde – wird dieser Tag „Pentekoste“ genannt, was „fünfzig“ bedeutet. Der Grund dafür ist, dass Pentekoste am fünfzigsten Tag nach Pessach stattfand – also genau an Schawuot. Für viele Leser bleibt diese Verbindung durch den griechischen Namen verborgen, aber tatsächlich handelt es sich um denselben jüdischen Feiertag, den wir das Wochenfest nennen.

Wenn dir diese tiefe Verbindung zwischen diesen scheinbar unterschiedlichen Feiertagen bisher nicht bewusst war, bist du also nicht allein! Wenn man jedoch den Abschnitt in der Apostelgeschichte liest, fragt man sich vielleicht: „Warum waren plötzlich jüdische Menschen aus der ganzen Diaspora gleichzeitig in Jerusalem?“ Die Antwort ist einfach: Schawuot war eines der drei Wallfahrtsfeste – jüdische Männer mussten zum Tempel nach Jerusalem kommen, um dort anzubeten. Deshalb heißt es an diesem Tag: „Es hielten sich aber in Jerusalem gottesfürchtige Juden aus allen Nationen unter dem Himmel auf“ (Apostelgeschichte 2,5).

Nach dem Bericht der Apostelgeschichte war das kein gewöhnliches Schawuot. Hier ist ein Teil der Geschichte:

„Und als der Tag der Pfingsten sich erfüllte, waren sie alle einmütig beisammen. Und es entstand plötzlich vom Himmel her ein Brausen wie von einem daherfahrenden gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten und sich auf jeden von ihnen setzten. Und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen auszusprechen gab.“ (Apostelgeschichte 2,1–4).

Unter anderem hat der Gelehrte Moshe Weinfeld Parallelen zwischen diesem Abschnitt und dem Bericht im Buch Exodus über die Gabe der Tora entdeckt. Außerdem erklärt er spätere jüdische Überlieferungen, die das Geschehen am Sinai weiter ausgeschmückt haben. Weinfeld schreibt: „Das Geräusch vom Himmel und die Feuerzungen stammen aus aggadischen [volkstümlich-erzählenden] Beschreibungen (aus den letzten Jahren der Zeit des Zweiten Tempels) der Gotteserscheinung am Horeb.“⁴ (Der Begriff „Gotteserscheinung“ meint ein sichtbares Offenbarwerden Gottes; Horeb ist ein anderer Name für den Sinai.)

Diese aggadischen Beschreibungen haben ihre Grundlage direkt im Text von Exodus selbst:

„Und es geschah, als der dritte Tag kam und es noch früh am Morgen war, da erhob sich ein Donnern und Blitzen, und eine dichte Wolke lag auf dem Berg, und [es ertönte] ein sehr lauter Schall von Schopharhörnern. Da erschrak das ganze Volk, das im Lager war. Und Mose führte das Volk aus dem Lager, Gott entgegen, und sie stellten sich unten am Berg auf. Aber der ganze Berg Sinai rauchte, weil der Herr im Feuer auf ihn herabstieg. Und sein Rauch stieg auf wie der Rauch eines Schmelzofens, und der ganze Berg erbebte heftig.“ (2. Mose 19,16–18).

Weinfeld schreibt weiter über „…die Flammen, die sich in Zungen aufteilten, woraufhin die Apostel begannen, in verschiedenen Sprachen zu sprechen…“⁵

War es für diese jüdischen Menschen im ersten Jahrhundert wirklich so seltsam, Gottes Stimme durch Feuerzungen in vielen verschiedenen Sprachen zu hören? Vielleicht war es ungewöhnlich. Aber es erinnert stark an eine bekannte jüdische Tradition, die damals vielen vertraut war.

Als die Überlieferung lebendig wurde

Worum geht es hier also eigentlich? Das Buch der Apostelgeschichte scheint mindestens zwei Dinge deutlich zu machen: Erstens erleben wir hier eine Art neuen Sinai – mit neuen Worten Gottes, die durch die Apostel weitergegeben werden. Und zweitens bekommen sogar die aggadischen Überlieferungen davon, dass die Tora in allen Sprachen der Völker gehört wurde, an diesem Schawuot in Jerusalem eine reale Entsprechung. Gottes Wort, das durch die Apostel gesprochen wird, wird von Juden aus vielen Nationen der Diaspora gehört. Die Überlieferung wird Wirklichkeit! Genau darauf scheint die Apostelgeschichte aufmerksam machen zu wollen.

Es ist entweder unglaubliche Chuzpe6 oder reine Narrischkeit, zu behaupten, dass Gott Jahrhunderte nach dem Sinai wieder zu den jüdischen Menschen spricht. Es sei denn, Gott hatte tatsächlich Israel durch Jesus und seine Apostel etwas zu sagen.

Mehr zu Schawuot und Apostelgeschichte 2 findest du in unserem Artikel „Das jüdische Pfingstfest“.

    1. Mose 34,22 sowie noch vier weitere Stellen.
    1. Mose 28,26.
    1. Mose 23,16.
  1. Moshe Weinfeld, „The Uniqueness of the Decalogue and Its Place in Jewish Tradition.“ Seiten 1–144 in The Ten Commandments in History and Tradition, herausgegeben von Ben-Tsiyon Segal und Gershon Levi (Magnes Press, Hebräische Universität Jerusalem, 1990). Hier: Seite 40.
  2. Weinfeld, Seite 41.
  3. Chuzpe bedeutet unverschämte Dreistigkeit; Narrischkeit bedeutet Dummheit oder Torheit.

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