Kann man Jude sein und Jesus nachfolgen?

Ein bewegendes Gespräch mit Aaron Abramson, dem geschäftsführenden Direktor von Jews for Jesus

Im Gespräch mit dem Podcast Mission Matters spricht Aaron Abramson, CEO von Jews for Jesus, über jüdische Identität, den Dienst unter dem jüdischen Volk, Versöhnung im Nahen Osten und die Hoffnung, die das Evangelium schenkt.1

Frage: Erzähle uns etwas über den Dienst von Jews for Jesus. Was für eine Organisation ist das? Was tut ihr, und wo seid ihr tätig?

Aaron Abramson: Jews for Jesus gibt es seit 1973. Gegründet wurde die Organisation von einem Juden namens Moishe Rosen. Er dachte damals: „Vielleicht bin ich der einzige Jude, der an Jesus glaubt.“

Interessanterweise hatten wir ursprünglich gar nicht vor, uns Jews for Jesus zu nennen. Der Name hat sich gewissermaßen von selbst durchgesetzt. Auf Universitätsgeländen und an vielen anderen Orten wurden wir genau so genannt. Mit der Zeit wurde daraus eine Art Slogan, den die Menschen mit unserem Dienst verbanden.

Wenn Menschen an Juden denken, stellen sie sich oft orthodoxe Männer mit schwarzen Hüten, Schläfenlocken und traditioneller Kleidung vor.

In gewisser Weise geht der Ausdruck „Juden für Jesus“ deshalb über unsere Organisation hinaus. So kann man jeden Juden bezeichnen, der Jesus als den Messias angenommen hat.

Unsere Aufgabe ist es, jüdische Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zu erreichen. Wenn Menschen an Juden denken, stellen sie sich oft orthodoxe Männer mit schwarzen Hüten, Schläfenlocken und traditioneller Kleidung vor. Doch die jüdische Welt ist viel vielfältiger. Es gibt jüdische Atheisten, Anhänger der New-Age-Bewegung, säkulare Juden. Es gibt auch Menschen, die bereits an Jeschua glauben und sich messianische Juden nennen.

Wir möchten das Evangelium zu denjenigen bringen, die es noch nicht gehört haben oder seine Bedeutung nicht verstehen. Die meisten unserer Mitarbeiter sind selbst in jüdischen Familien aufgewachsen. Wir sind zum Glauben an Jeschua gekommen und haben in ihm Hoffnung, neues Leben und – was besonders wichtig ist – die Erfüllung unserer jüdischen Identität gefunden, indem wir unseren jüdischen Messias kennengelernt haben.

Deshalb möchten wir auch andere Juden mit dieser erstaunlichen, lebensverändernden Botschaft des Evangeliums und mit der Person Jesu bekannt machen.

Genau das tun wir an vielen Orten auf der ganzen Welt.

Wir haben Teams in verschiedenen Ländern mit bedeutenden jüdischen Gemeinschaften. Derzeit sind wir in etwa dreizehn Ländern tätig.

Einer der am schnellsten wachsenden Bereiche unserer Arbeit ist Israel. Im Laufe der Zeit ist etwa die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung dorthin gezogen und lebt heute dort.

Natürlich gibt es auch in vielen anderen Ländern jüdische Gemeinschaften, doch Israel bleibt eines der wichtigsten Arbeitsfelder unseres Dienstes.

Frage: Was mich überrascht hat: Ihr versteht euch nicht als klassische Missionsorganisation, die ständig Leute in andere Länder schickt. Wenn ich es richtig verstehe, arbeiten die meisten eurer Mitarbeiter unter ihrem eigenen Volk – dort, wo sie selbst leben?

Aaron Abramson: Ganz genau. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr genau, wann wir diesen Weg eingeschlagen haben, aber das war ziemlich früh in der Geschichte unserer Organisation.

Natürlich gab es einige Ausnahmen. Wir hatten zum Beispiel einen Mitarbeiter namens Avi Snyder. In den 1990er-Jahren, als die Sowjetunion auseinanderfiel, begann er einen neuen Dienst in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Er half dabei, mehrere Arbeitszweige in der Ukraine und in Russland aufzubauen.

Außerdem gab es ein amerikanisches Ehepaar, das beim Aufbau unserer Arbeit in Israel mitgeholfen hat. Aber danach haben wir niemanden mehr dorthin geschickt.

Einen Juden zu finden, der an Jesus glaubt, ist schon nicht einfach.

Heute wird die Arbeit in Israel komplett von Israelis getragen. Und ähnlich läuft es auch in anderen Ländern. In Frankreich zum Beispiel suchen wir nach französischen Juden, die zum Glauben an Jesus gekommen sind. Eigentlich ist das ganz interessant.

Einen Juden zu finden, der an Jesus glaubt, ist schon nicht einfach. Einen Juden zu finden, der an Jesus glaubt und gleichzeitig sein eigenes Volk erreichen möchte, ist noch schwieriger. Das ist fast so, als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen.

Aber genau solche Menschen suchen wir. Menschen mit einer starken Geschichte, mit einem echten jüdischen Hintergrund. Menschen, die mit anderen Juden als Teil ihres eigenen Volkes sprechen können.

Fast überall, wo wir einen neuen Dienst begonnen haben, sind wir diesen Weg gegangen. Es dauert länger. Aber wir haben gesehen, dass es sich lohnt. Diese Leute haben nicht vor wegzugehen. Dort ist ihr Zuhause. Dort leben ihre Eltern und Großeltern. Und genau deshalb entsteht etwas, das auf Dauer Bestand haben kann. Die Arbeit bekommt ein Fundament, das man auf andere Weise vielleicht nie aufbauen könnte.

Frage: Du sagst oft, dass der Glaube an Jesus deine jüdische Identität nicht ersetzt hat, sondern dir geholfen hat, sie tiefer zu verstehen. Wie helft ihr Menschen, die Angst haben, dass sie ihre Kultur und ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volk verlieren, wenn sie Jesus annehmen?

Aaron Abramson: Ich denke oft an meine Großmutter Shirley. Sie ist vor einigen Jahren gestorben. Ich erinnere mich, wie ich mit ihr über das Evangelium gesprochen habe. Manchmal kam sie sogar mit mir in den Gottesdienst, wenn ich in der Gegend von Detroit war, wo sie lebte.

Eines Tages sagte ich zu ihr:

„Oma, was ist, wenn Jesus wirklich der jüdische Messias ist?“

Und sie antwortete:

„Ja, aber ich bin Jüdin.“

Für sie passte das einfach nicht zusammen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man Jüdin bleiben und gleichzeitig Jesus als seinen Messias annehmen kann. Viele Menschen denken genau so. Sehr schwarz-weiß. Wenn du Jude bist, dann kommt Jesus nicht infrage. Mit diesem Verständnis wachsen viele Juden auf.

Natürlich verändert sich heute vieles. Es gibt unglaublich viele gemischte Ehen. Viele Juden heiraten Menschen aus anderen religiösen Hintergründen. Manche heiraten Katholiken, andere Agnostiker, andere Christen. Deshalb wachsen vor allem außerhalb Israels immer mehr Menschen in einem gemischten Umfeld auf.

Wer ist Jesus? Hat er etwas mit uns als Juden zu tun? Und wenn ja, was bedeutet das heute?

Aber wir versuchen nicht als Erstes zu erklären, was Gemeinde ist oder woran die verschiedenen christlichen Konfessionen glauben.

Wir beginnen mit einer anderen Frage: Wer ist Jesus? Hat er etwas mit uns als Juden zu tun? Und wenn ja, was bedeutet das heute? Was bedeutet das für uns als jüdisches Volk? Manchmal braucht jemand ein halbes Jahr oder sogar ein ganzes Jahr, bis er an den Punkt kommt, an dem er sagt:

„Ja, ich verstehe. Jesus ist der Messias. Ich verstehe, dass er etwas für mich getan hat, was ich selbst nie hätte tun können. Ich verstehe, dass Gott genau ihn verheißen hat.“

Und dann kommen die nächsten Fragen.

„Okay. Und was ist mit der Gemeinde? Was ist mit der Taufe? Moment mal ...“

Für viele Menschen ist das ein eigener Weg, der Zeit braucht. Aber irgendwann entdecken sie, dass selbst die Taufe jüdische Wurzeln hat. Da ist die Mikwe. Da sind die Reinigungsbäder im Tempel. Da ist Johannes der Täufer mit seinem Ruf zur Umkehr. Juden verstehen diese Sprache.

Und wenn man anfängt, solche Dinge im jüdischen Zusammenhang zu erklären, sagen manche plötzlich: „Moment mal ...“

Nach und nach merken sie, dass das alles gar nicht so fremd ist, wie sie dachten. Wir versuchen, das Evangelium aus einer jüdischen Perspektive zu erklären. Wir zeigen, wie Jesus mit den jüdischen Festen verbunden ist. Wir zeigen zum Beispiel, wie er im Johannesevangelium über das Laubhüttenfest spricht. Für einen Juden ist das kein abstraktes Thema. Dieses Fest gehört bis heute zum jüdischen Kalender. Dadurch fällt es vielen leichter, den Zusammenhang zu verstehen.

Heißt das, dass alles aus dem Judentum automatisch in das Leben eines Nachfolgers Jesu übernommen wird? Nein. Es gibt Dinge, die hinterfragt werden. Es gibt Dinge, über die man neu nachdenken muss. Aber wir gehen davon aus, dass es im Messias Freiheit gibt. Die Freiheit, Jude zu bleiben.

Der eine sagt vielleicht: „Jetzt bin ich frei, ein Schinkenbrot zu essen.“

Ein anderer entscheidet sich, weiterhin koscher zu leben, weil er überzeugt ist, dass das für ihn der richtige Weg vor Gott ist. Und ich bin nicht derjenige, der ihm sagen würde, dass er das nicht tun sollte.

Frage: Du bist der erste Israeli geworden, der die Leitung von Jews for Jesus übernommen hat. Welche Veränderungen wolltest du als Leiter der Organisation anstoßen?

Aaron Abramson: Als unsere Arbeit in den 1970er-Jahren begann, waren wir vor allem eine nordamerikanische Mission. Wir arbeiteten hauptsächlich in den USA und unter amerikanischen Juden. Mit der Zeit begann sich das zu verändern.

Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre bekamen wir Einladungen aus verschiedenen Ländern. Manchmal nennen wir das den „mazedonischen Ruf“.

Menschen kamen auf uns zu und sagten:

„Warum startet ihr nicht etwas Ähnliches in Johannesburg?“

„Warum kommt ihr nicht nach London?“

„Warum beginnt ihr nicht eine Arbeit in Paris?“

So entstanden nach und nach Dienste in Kanada und in anderen Ländern.

Je mehr wir wuchsen und je mehr wir zu einer internationalen Organisation wurden – und nicht nur zu einer nordamerikanischen Mission –, desto deutlicher wurde uns, dass wir unseren Ansatz überdenken mussten. Wir arbeiteten immer noch mit einem Modell, das in Nordamerika entstanden war, und versuchten, es auf ganz andere kulturelle Kontexte zu übertragen – nach Tel Aviv, Jerusalem, Paris und viele andere Städte.

Das hatte durchaus seine Vorteile. Manche Methoden funktionierten wirklich gut. Aber mit der Zeit merkten wir, dass sie nicht mehr dieselben Ergebnisse brachten wie früher.

Ein Beispiel sind Telefonanrufe. Früher konnte man in zwei Stunden mit fünfzehn oder zwanzig jüdischen Menschen sprechen. Heute gehen die meisten Menschen bei unbekannten Nummern gar nicht mehr ans Telefon. Sie nutzen Anruffilter und Rufnummernerkennung. Am Ende kannst du zwei Stunden investieren und mit keiner einzigen Person sprechen.

Solche Veränderungen haben uns zum Nachdenken gebracht. Können die Methoden der Vergangenheit uns wirklich in die Zukunft führen? Als ich für die tägliche Leitung der Organisation verantwortlich war, hatte ich immer öfter das Gefühl, dass wir nicht mehr so wirksam waren wie früher. Und das Schwierigste daran war: Ich hatte keine Antwort darauf. Ich habe mich immer als jemanden gesehen, der neue Ideen hat.

Im Laufe der Jahre habe ich viele neue Projekte gestartet und neue Wege ausprobiert. Aber damals war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich einfach nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Und so schwierig das war, es war gleichzeitig auch sehr demütigend.

Heute glaube ich, dass der Herr genau auf diese Weise angefangen hat, mich in eine neue Richtung zu führen. Ich begann schon nach neuen Ansätzen zu suchen, bevor ich Executive Director wurde.

In dieser Zeit gab mir der Leiter eines großen Unternehmens einen Rat, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Er sagte: „Die Zeiten sind vorbei, in denen Organisationen einfach ein Produkt entwickeln konnten und es anschließend immer stärker vermarktet haben. Es reicht nicht mehr, einfach mehr Geld für Werbung auszugeben und zu hoffen, dass die Leute reagieren.“

Zuerst musst du zu den Menschen gehen.

Im Grunde sprach er von einem Wechsel im Denken.

Weg von einem Ansatz, der von innen nach außen funktioniert, hin zu einem Ansatz, der von außen nach innen denkt.

Das bedeutet: Zuerst musst du zu den Menschen gehen. Du musst verstehen, wie sie leben, welche Fragen sie beschäftigen, was sie brauchen. Und erst dann solltest du darüber nachdenken, wie du ihnen dienen kannst.

Zur gleichen Zeit begann ich mich mit Themen wie Innovation und menschenzentriertem Denken zu beschäftigen. Immer mehr wurde mir klar, dass viele Probleme keine technischen Probleme sind. Hinter jedem Problem stehen echte Menschen. Genau an diesem Punkt mussten wir uns eine unbequeme Frage stellen.

Wir hatten immer gesagt: „Wir kennen die jüdische Gemeinschaft.“

Aber viele von uns waren seit dreißig Jahren gläubig. Wir arbeiteten in unseren Büros. Wir gingen in unsere Gemeinden. Wir bewegten uns in unserem vertrauten Umfeld.

Wenn wir aber verstehen wollten, wie jüdische Menschen heute denken – besonders die jüngere Generation –, dann mussten wir wieder hinausgehen und anfangen zuzuhören.

Deshalb beschlossen wir, unseren Ansatz in der ganzen Organisation zu verändern. Wir wollten unsere Arbeit ganz bewusst aus der Perspektive der Menschen betrachten, die wir erreichen wollten.

Wir begannen zu fragen: „Wen wollen wir eigentlich in Paris erreichen?“

Lasst uns nicht einfach das nehmen, was in New York funktioniert, und es nach Paris übertragen. Lasst uns zuerst verstehen, wie die jüdische Gemeinschaft in Paris aussieht. Welche Fragen beschäftigen die Menschen dort? Was brauchen sie? Was passiert gerade in ihrem Leben? Wir haben angefangen, uns bewusst Zeit zu nehmen, um die einzelnen Gemeinschaften besser kennenzulernen. Ihre Fragen und Ihre Erfahrungen zu verstehen. Zu verstehen, was sie bewegt und womit sie kämpfen.

Und als wir diesen Weg eingeschlagen haben und unseren Leitern gleichzeitig die Freiheit gaben, so zu arbeiten, passierten mehrere Dinge. Zum einen entstanden viele neue Ideen. Denn wenn man Menschen besser versteht, eröffnen sich neue Wege und neue Möglichkeiten. Zum anderen waren die Leute bereit, mehr zu wagen. Nicht alles hat funktioniert. Wir haben Fehler gemacht. Aber gleichzeitig haben wir viel gute Frucht gesehen.

Wir haben erlebt, dass unsere Arbeit in verschiedenen Ländern genauer, passender und wirksamer wurde.

Eine der größten Veränderungen bestand deshalb darin, dass wir uns vom Gedanken verabschiedet haben, dass ein Modell überall funktioniert. Statt überall dasselbe zu machen, begannen wir zu fragen: „Was brauchen die Menschen genau hier?“ Wenn es um Israel geht, sollten wir nicht einfach kopieren, was wir in Los Angeles oder San Francisco tun. Lasst uns zuerst verstehen, was die Menschen in Israel brauchen. Und dann können wir unsere Arbeit darauf aufbauen.

Frage: Du hast in der israelischen Armee gedient. Du hast den Verlust eines engen Freundes erlebt. Später hast du erzählt, dass die Lehre Jesu dich mit deinen arabischen Nachbarn versöhnt hat. Vor dem Hintergrund dessen, was heute im Nahen Osten geschieht, klingt das besonders aktuell. Erzähl uns davon.

Aaron Abramson: Ich glaube von ganzem Herzen an die Kraft des Evangeliums, weil ich gesehen habe, was es in meinem eigenen Herzen bewirkt hat.

Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Probleme verschwunden sind. Es bedeutet nicht, dass der Konflikt im Nahen Osten auf einmal gelöst war. Aber als junger Israeli habe ich drei Jahre in der israelischen Armee gedient – von 1992 bis 1995. Ich war im Westjordanland und im Südlibanon stationiert. Damals war Israel wegen der Situation an der Grenze im Südlibanon präsent. In diesen Jahren geschahen die tragischen Dinge, die du angesprochen hast. Und all das hat bei mir viele Fragen ausgelöst.

Interessanterweise kommen Menschen nach Israel und werden dort oft offener für geistliche Themen. Sie besuchen Orte aus der biblischen Geschichte und erleben dabei etwas sehr Bewegendes. Ich hingegen habe dort gelebt. Ich habe in Jerusalem gelebt. Ich bin jeden Tag an diesen Orten vorbeigegangen und habe dabei nichts Besonderes empfunden. Ich sah die ultraorthodoxen Juden und verstand sie nicht wirklich. Die Politik in der Region erschien mir verrückt. Der israelisch-palästinensische Konflikt wirkte endlos.

Mein Weg war wegzulaufen.

Ich lebte in Israel zu einer Zeit, als Busse in die Luft gesprengt wurden. Ich erinnere mich daran, wie ich in meiner Wohnung im Zentrum Jerusalems saß und Schüsse auf der Straße hörte. Ich hörte die Geräusche und dachte: „Ja, das ist ein M16.“ Oder: „Das ist eine Kalaschnikow.“ Dann gingen wir hinaus und erfuhren, dass gerade Menschen erschossen worden waren. Solche Dinge passierten praktisch jede Woche. Jeder Mensch geht anders mit so einer Realität um.

Mein Weg war wegzulaufen. Ich lief auf jede erdenkliche Weise davon. Rock'n'Roll. Drogen. Alles, was mich von dem ablenken konnte, was um mich herum geschah. Ich war zu allem bereit, solange ich nicht darüber nachdenken musste. Nach meiner Armeezeit ging ich so weit weg, wie ich nur konnte. Aber das änderte nichts an dem, was in mir vorging. Man könnte sagen, ich hatte alles nur auf Pause gestellt. Doch irgendwann kam alles wieder hoch. In gewisser Weise wurde es sogar noch dunkler. Ich entfernte mich immer weiter von Gott. Und genau in dieser dunklen Zeit war Gott am Werk. Später erfuhr ich, dass Menschen für mich gebetet hatten.

Und solche Gebete sind niemals umsonst. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen genau wegen solcher Gebete zum Glauben kommen.

Ich könnte euch Geschichten erzählen von Menschen, bei denen niemand geglaubt hätte, dass sie jemals zum Glauben kommen würden. Und später stellt sich heraus, dass irgendeine ältere Dame fünf Jahre lang für sie gebetet hat oder sogar noch länger. Und dann fragst du sie: „Warst du das? Hast du für ihn gebetet?“ Und sie antwortet: „Ja, ich war das.“ Das ist einfach unglaublich. Es ist erstaunlich zu sehen, wie Gott solche Gebete über Jahre hinweg hört und anfängt, im Leben eines Menschen zu wirken.

Und genau das hat er in meinem Herzen getan. Ich begann, die Evangelien zu lesen. Und was ich dort fand, kam mir unglaublich revolutionär vor. So anders als alles, was ich kannte. So herausfordernd.

Ich dachte: „Das ist unglaublich. Aber ich werde niemals so leben können.“ Ich war ein Typ aus der Rock'n'Roll-Szene. Ich las das alles und dachte: „Das ist großartig, aber das ist nichts für mich. Ich werde dem niemals gerecht werden.“ Trotzdem las ich weiter. Ich begann mit dem Matthäusevangelium. Und als ich am Ende angekommen war und die Worte las: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“, hat mich das plötzlich getroffen. Jesus sagt, dass er in all dem bei mir sein wird. Ich hielt inne und dachte: „Vielleicht gibt es dann doch Hoffnung für mich.“

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits nach Israel zurückgekehrt. Davor war ich ungefähr ein Jahr lang unterwegs gewesen. Ich hatte eine Menge dummer Dinge gemacht und war in allerlei Schwierigkeiten geraten. Ehrlich gesagt hätte ich auch irgendwo im Gefängnis landen können. Aber Gott war barmherzig. Er hat mich durch all das hindurchgetragen und auf mich aufgepasst. Und er hat mich zu sich gezogen.

Als ich anfing, nach einem Ort zu suchen, an dem ich im Glauben wachsen konnte, kam ich in eine Gemeinde in der Altstadt von Jerusalem. Sie befand sich im armenischen Viertel. Damals hieß sie Jerusalem Church. Der Pastor hieß Issam Hussein. Ich war einer der wenigen Juden in dieser Gemeinde.Dort waren ehemalige Muslime, arabische Gläubige, Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen.

Und ich erinnere mich noch genau, mit welchem Gedanken ich dorthin ging. Ich dachte: „Wenn dieses Evangelium wirklich wahr ist, dann muss das mein Zuhause sein. Dann müssen wir eine Familie sein.“ Und als ich hineinkam, war es genau so. Der Pastor streckte mir die Hand entgegen. Er begegnete mir mit großer Liebe. Es war eine völlig andere Welt. Ich spürte kein Misstrauen. Keine Zurückhaltung. Nichts dergleichen. Später besuchte ich diese Gemeinde eine Zeit lang regelmäßig. Dieser Pastor hat später sogar meine Frau und mich getraut. Aber darum geht es eigentlich nicht. Das Entscheidende ist, dass ich dort nicht nur eine Theorie über Versöhnung gesehen habe. Nicht nur eine theologische Idee. Ich habe gesehen, dass das Evangelium tatsächlich die Kraft hat, Menschen miteinander zu versöhnen.

Es kann Menschen zusammenbringen, die eigentlich gar nicht zusammengehören sollten. Menschen, die eigentlich keine Freunde sein sollten. Menschen, die sich eigentlich niemals verstehen würden. Das hat für mich sehr vieles verändert.

Heißt das, dass danach alle Probleme verschwunden waren? Nein. Heißt das, dass plötzlich alle Fragen beantwortet waren? Nein. Auch heute gibt es in Israel Unterschiede und Spannungen zwischen jüdischen und palästinensischen Gläubigen. Sie ringen weiter mit schwierigen Fragen. Sie sprechen weiter darüber. Sie suchen weiter nach Antworten. Aber ich hoffe, dass sie dabei Brüder und Schwestern bleiben. Und dass sie lernen, all das gemeinsam durchzustehen. Für mich ist genau das das Wichtigste.

Frage: Viele Missionsorganisationen beschreiben ihren Auftrag unterschiedlich. Die einen konzentrieren sich auf Evangelisation, andere auf Gemeindegründung, wieder andere auf Jüngerschaft. Bei euch scheint alles zusammenzukommen. Erzähl uns etwas darüber.

Aaron Abramson: Das ist eine wirklich gute Frage. Jews for Jesus war schon immer eine Organisation, für die Evangelisation im Mittelpunkt steht. Und das ist bis heute so.

Aber im Laufe der Jahre haben wir – wie viele andere auch – gemerkt, dass man an manchen Orten über Gemeindegründung nachdenken muss, wenn Evangelisation langfristig Frucht bringen soll. Man muss über Jüngerschaft nachdenken. All diese Dinge gehören zusammen.

In den letzten Jahren habe ich mich selbst immer stärker mit Gemeindegründung beschäftigt. Historisch gesehen war das nie unsere größte Stärke. Es entstanden zwar immer wieder messianische Gemeinden, aber eher vereinzelt und nicht als bewusster Schwerpunkt.

Heute gehen wir viel gezielter an dieses Thema heran. Zum Beispiel arbeiten wir gerade daran, innerhalb der nächsten fünf Jahre dreißig neue Glaubensgemeinschaften in ganz Israel aufzubauen. Ähnliche Initiativen gibt es auch in anderen Ländern. Denn wir helfen Menschen zum Glauben zu kommen, und dann stellt sich die nächste Frage:

„Wie geht es jetzt weiter?“

„Wo werden sie geistlich wachsen?“

„Wie werden sie zu Jüngern?“

Deshalb gehört auch Jüngerschaft zu unserem Auftrag. Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, Menschen nach den ersten Gesprächen weiter zu begleiten.

Viele andere Organisationen geben uns Kontakte von jüdischen Menschen weiter, die Interesse am Evangelium zeigen. Unsere Mitarbeiter treffen sich dann mit ihnen. Sie besuchen sie, beantworten Fragen, lesen gemeinsam mit ihnen die Bibel. Vor allem in Israel machen wir sehr viel von dieser Arbeit.

Vor vielen Jahren fiel mir noch etwas anderes auf. Nach ihrer Armeezeit wollen viele junge Israelis erst einmal weg. Israel ist ein sehr kleines Land. In wenigen Stunden kann man praktisch das ganze Land durchqueren. Die Menschen verbringen drei Jahre in der israelischen Armee oder leisten einen anderen nationalen Dienst und sagen danach:

„Ich muss hier raus.“

„Ich muss weg von hier.“

Danach entsteht oft der Wunsch, die Welt zu sehen. Für viele ist das eine Art Übergang ins Erwachsenenleben. Man beendet den Dienst mit einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahren und geht auf Reisen. Und jedes Jahr machen das Hunderttausende junge Leute. Sie reisen nach Südostasien. Nach Thailand. Nach Indien. Besonders beliebt ist Nordindien. Wir waren in Orten wie Dharamsala und anderen ähnlichen Gegenden. Es sind wunderschöne Orte. Sie sind für Reisende bezahlbar. Sie wirken exotisch. Und viele verbinden sie mit Spiritualität.

Als wir uns das genauer angeschaut haben, ist uns etwas aufgefallen. In manchen Städten waren die Speisekarten auf Hebräisch. Die Kellner konnten ein paar Sätze auf Hebräisch sprechen. Ganze Stadtviertel waren auf israelische Backpacker eingestellt.

Da stellten wir uns die Frage: „Was wäre, wenn wir dorthin ein Team messianischer Juden schicken würden?“ 2006 starteten wir unser erstes solches Team. Am Anfang waren das junge amerikanische Juden, die an Jesus glaubten.

Sie erlebten Gottes Gegenwart.

Gleichzeitig fiel uns noch etwas anderes auf. Es gibt das Birthright-Programm, durch das junge Juden aus aller Welt kostenlos nach Israel reisen können. Viele kennen dieses Programm. Was viele aber nicht wissen: Früher gab es im Bewerbungsformular eine Frage, ob man ein Nachfolger Jesu ist. Und wenn man diese Frage mit Ja beantwortete, konnte man von der Teilnahme ausgeschlossen werden. Deshalb wollten wir einen alternativen Raum schaffen. Alles begann mit gemeinsamer Jüngerschaft, Bibelstudium und Vorbereitung. Danach ging die Gruppe auf Reisen. Manchmal für einen Monat. Manchmal länger. Einmal war ein Team fast vier Monate unterwegs. Wir wohnten in denselben Gästehäusern wie andere Israelis. Wir reisten auf denselben Routen. Wir hatten hebräische Neue Testamente dabei. Und nach und nach bemerkten wir etwas Erstaunliches. Menschen fragten, ob sie zu unseren Lobpreiszeiten dazukommen dürften.

Am Anfang fragten die Teilnehmer des Teams: „Dürfen wir das überhaupt?“ „Können wir sie einladen?“ Und wir sagten: „Natürlich.“ Warum nicht? Was geschah denn in Apostelgeschichte 2? Menschen beteten Gott an. Sie teilten miteinander, was Gott in ihrem Leben tat. Also begannen wir, diese Leute einzuladen. Sie kamen. Und sie waren tief bewegt. Manche weinten.

Manche fragten:

„Was ist das hier?“

„Was macht ihr hier eigentlich?“

Sie erlebten Gottes Gegenwart. Ein weiterer wichtiger Punkt war, dass sie keinen Zeitdruck hatten. Sie mussten nicht zur Arbeit. Es gab niemanden neben ihnen, der ständig sagte: „Glaub das nicht.“ „Hör nicht darauf.“ Sie waren weit weg von zu Hause. In einem anderen Land. Und deshalb waren sie offen. Außerdem kommen Reisende ständig mit neuen Menschen ins Gespräch. Das gehört einfach zum Reisen dazu. Man trifft immer wieder neue Leute. Und wir wurden einfach Teil dieser Umgebung. Jeden Sommer waren etwa fünfzehn bis zwanzig Leute dabei.

Später gründeten wir zusätzlich ein israelisches Team. Heute haben wir ein nordamerikanisches Team und ein Team aus jungen hebräischsprachigen Gläubigen. Sie haben gerade ihren Armeedienst beendet und gehen selbst auf solche Reisen. Inzwischen findet dieser Dienst nicht nur in Indien statt. Wir arbeiten auch in Peru. In Bolivien. Und an anderen Orten. Und das Schönste ist: Nach sechs Monaten oder einem Jahr kommen diese Menschen nach Israel zurück. Dann melden sie sich wieder. Wir haben Veranstaltungen und Treffen, zu denen sie kommen können.

So entsteht eine starke Verbindung zwischen dem, was während der Reise geschieht, und dem, was nach der Rückkehr nach Hause weitergeht.

Frage: Du sprichst oft davon, dass Gott gerade in Zeiten der Zerbrochenheit am stärksten im Leben eines Menschen wirkt. Heute erleben wir in vielen Ländern einen Anstieg des Antisemitismus, Unsicherheit und Spannungen. Welche konkrete Botschaft der Hoffnung kann Jews for Jesus Menschen weitergeben, die das Gefühl haben, dass ihre Identität bedroht ist?

Aaron Abramson: Im Moment bin ich in London. Vielleicht hast du schon gehört, dass heute in Golders Green, einem jüdischen Stadtteil Londons, zwei Juden bei einem Messerangriff verletzt wurden. Die Nachrichten darüber verbreiten sich gerade in den sozialen Medien. Menschen schreiben mir. Menschen melden sich bei mir. Gerade eben habe ich noch eine Nachricht über einen unserer Mitarbeiter in Israel gesehen, der selbst einmal Opfer eines Messerangriffs geworden ist. Uns ist bewusst: Das passiert nicht irgendwo weit weg. Es passiert nicht irgendwo anders. Es ist ganz nah.

Wir haben von dem Angriff am Bondi Beach in Australien gehört. Das jüngste Opfer dort war ein Mädchen namens Matilda. Sie war schon bei Veranstaltungen von Jews for Jesus in Sydney. Deshalb geht uns das alles sehr nahe. Sie war eine junge Frau, die nie in Israel gelebt hatte und wahrscheinlich keine besonders ausgeprägten politischen Ansichten hatte. Aber sie wurde zum Ziel, weil sie mit dem jüdischen Volk verbunden war. Weil sie Jüdin war. Für viele Juden ist das im Moment eine beängstigende Zeit. Wir leben in einer Welt, in der es viele Dinge gibt, die man nicht sagen darf. Aber gleichzeitig scheint es völlig in Ordnung zu sein, die schlimmsten Dinge über Juden zu sagen. Über Israel. Und oft wird das gesellschaftlich akzeptiert. Und ich meine nicht einfach Kritik. Manchmal ist es ganz offener Hass.

Menschen sind auf der Straße auf mich zugekommen und haben gesagt: „Heil Hitler.“ Oder: „Schade, dass wir die Arbeit mit euch nicht zu Ende gebracht haben.“ Sie haben das einfach so gesagt. Mitten auf der Straße. Wenn sie wussten, dass ich Jude bin. Oder Israeli. Oder an Jesus glaube. Und dann stehst du da und denkst: „Du kennst mich überhaupt nicht. Aber du hasst mich.“

Für viele Menschen ergibt das keinen Sinn. Sie verstehen es nicht. Juden machen nur einen sehr kleinen Teil der Weltbevölkerung aus. Vielen ist das gar nicht bewusst. Wir sprechen von ungefähr fünfzehn Millionen Menschen weltweit. Das ist eine sehr kleine Zahl. Und ein wichtiger Grund dafür ist, dass Juden über Jahrhunderte verfolgt und ermordet wurden. Ohne den Holocaust wäre diese Zahl wahrscheinlich mindestens doppelt so hoch. Und trotzdem wäre sie noch immer klein. Dennoch stehen Juden ständig im Mittelpunkt von Diskussionen. Ständig wird über sie gesprochen.

Vor Kurzem schrieb mir jemand. Tatsächlich war es einer unserer Spender. Er fragte: „Warum kontrollieren Juden immer noch alle Finanzinstitutionen?“ Und dann wird dir bewusst: Es gibt nur sehr wenige Juden auf der Welt. Aber es gibt unzählige Geschichten, Behauptungen und Vorstellungen darüber, wer sie angeblich sind. Für viele Juden ist das beängstigend. Und sie fragen sich: „Warum?“ Wir leben doch in einer aufgeklärten Welt. Wir leben in einer Welt, in der wir sagen, dass Rassismus falsch ist. Warum passiert das dann immer noch? Warum gilt das immer noch als akzeptabel? Viele verstehen das nicht. Und ich glaube, dass hier auch eine geistliche Dimension dahintersteht. Wir sehen hier das Wirken von Bösem. Hier passiert etwas Geistliches. Denn rein rational ergibt das alles keinen Sinn. Auf dem Papier ergibt es keinen Sinn.

Heute habe ich einen Beitrag gesehen, in dem stand: „Juden sind der Abschaum der Erde.“ Und ich dachte: „Wahrscheinlich kennst du nicht einmal einen einzigen Juden.“ Und trotzdem empfindet dieser Mensch einen solchen Hass. Deshalb stehen viele Juden heute unter Schock. Sie sind wirklich erschüttert. Und sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Es gibt noch etwas Interessantes.

Heute gehören viele Christen zu den Menschen, die ihre Liebe und Unterstützung für das jüdische Volk am offensten zeigen.

Meine Großmutter erinnerte sich an eine Zeit, in der Christen – oder zumindest Menschen, die sich Christen nannten – einen großen Teil ihres Hasses gegen Juden richteten. Sie nannten Juden „Christusmörder“ und sagten ähnliche Dinge. Heute gehören viele Christen zu den Menschen, die ihre Liebe und Unterstützung für das jüdische Volk am offensten zeigen. Sie sagen: „Wir sehen euch.“ Und für viele Juden entsteht dadurch ein innerer Konflikt. Sie verstehen nicht, wie das sein kann.

Nach dem 7. Oktober haben wir für unser Projekt So Be It Menschen auf den Straßen von Tel Aviv interviewt. Wir machen oft Straßeninterviews und sprechen mit Israelis über verschiedene Themen. Wir gingen auf Menschen zu und fragten: „Wusstet ihr, dass es Christen gibt, die für euch beten und euch lieben?“ Fast jeder fing an zu weinen. Ich übertreibe nicht. Die Menschen haben wirklich geweint. Sie schauten uns an und fragten: „Warum?“ Sie konnten nicht verstehen, warum. Und genau in diesem Moment hatten wir die Möglichkeit, ihnen vom Evangelium zu erzählen.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich glaube, wir leben gerade in einer sehr schwierigen Zeit. Es ist nicht leicht, zu verstehen, was geschieht. Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Und gleichzeitig ist es eine Zeit großer geistlicher Offenheit.

Lass mich eine Geschichte erzählen.

Wir verschenken Neue Testamente auf Hebräisch und in anderen Sprachen. Menschen können sie über unsere Website bestellen, und wir schicken sie kostenlos zu. Denn in Israel kann man nicht einfach in jede Buchhandlung gehen und problemlos ein Neues Testament kaufen. Deshalb machen wir Menschen auf diese Möglichkeit aufmerksam und verschicken sie kostenlos. Eines Tages schrieb uns eine ältere Frau. Sie bat um ein Neues Testament auf Ungarisch. Das hat uns überrascht. Warum ausgerechnet Ungarisch? Sie erklärte, dass sie in Ungarn aufgewachsen sei und auf Ungarisch leichter lesen könne. Also fanden wir über unser Team in Budapest ein ungarisches Neues Testament und schickten es ihr.

Danach blieben wir mit ihr in Kontakt. Und dabei erfuhren wir, dass zwei ihrer Enkelkinder als Geiseln in den Tunneln von Gaza festgehalten wurden. Sie hatte den Holocaust überlebt. Stell dir dieses Leben einmal vor. Du überlebst all dieses Leid. Du verlässt Ungarn. Du wanderst nach Israel aus. Du gründest dort eine Familie. Und dann erfährst du, dass zwei deiner Enkel – nicht einer, sondern zwei – in den Tunneln von Gaza gefangen sind. Du weißt nicht, ob du sie jemals wiedersehen wirst. Du weißt nicht, was mit ihnen geschieht. Wir begannen, diese Frau zu begleiten. Wir lasen gemeinsam mit ihr im Neuen Testament. Unser Team in Ungarn hielt Kontakt zu ihr. Unser Team in Israel hielt Kontakt zu ihr. Mitten in all dem begann sie, Hoffnung in Jesus zu finden. Sie kam zum Glauben und setzte sich damit auseinander, was das für ihr Leben bedeutet. Und dann geschah etwas Erstaunliches. Beide Enkelkinder wurden freigelassen. Natürlich passiert das nicht immer. Aber in diesem Fall wurden sie tatsächlich freigelassen.

Und wenn ich auf diese Geschichte schaue, sehe ich, wie Gott mitten im Leid wirkt. Ich bin absolut überzeugt, dass das auf beiden Seiten des Konflikts geschieht.

Frage: Du schaust heute nicht nur aus einer jüdischen Perspektive auf das, was geschieht. Du sprichst von Menschen auf beiden Seiten des Konflikts. Welche Rolle spielt das Evangelium deiner Meinung nach in allem, was gerade im Nahen Osten passiert?

Aaron Abramson: Ich glaube, das Evangelium ist heute die seltenste und gleichzeitig die dringendste Ressource im Nahen Osten. Wir brauchen nicht mehr Politik. Wir brauchen nicht mehr Waffen. Wir brauchen nicht noch mehr von all diesen Dingen. Die Hoffnung, die durch Jesus kommt, kann das Leben von Menschen verändern. Sie kann die Richtung ihres Lebens verändern. Und sie kann den Hass verändern, den wir überall um uns herum sehen. Denn am Ende stellt sich die Frage: „Wie kommen Menschen aus diesem Kreislauf heraus?“ und „Wie hören sie auf, einander zu hassen?“ Ich sage nicht, dass es keine Friedensinitiativen gibt. Ich sage nicht, dass es keine Prozesse gibt, die manchmal etwas bewirken. Das bedeutet nicht, dass man es nicht versuchen sollte. Aber ich glaube wirklich, dass das Evangelium die Kraft hat, menschliche Herzen zu verändern.

Wir sehen das immer wieder. Wenn Menschen anfangen zu verstehen, was Gott für sie getan hat und wie sehr er sie liebt, dann entsteht Raum für Vergebung – auf eine Weise, die wir uns oft gar nicht vorstellen können. Ich habe junge Israelis kennengelernt. Ich habe Menschen getroffen, die sehr radikale Ansichten hatten. Menschen, denen es schwerfiel, eine andere Sichtweise überhaupt zu akzeptieren. Aber das Evangelium fordert uns auf, unsere Feinde zu lieben. Und das klingt in unserer Zeit völlig gegen den Strom. Heute gibt es viele Gründe, warum Menschen einander nicht lieben sollten. Und trotzdem ruft uns das Evangelium genau dazu auf.

Wenn dir das jüdische Volk am Herzen liegt, wenn du für Juden betest oder mehr darüber erfahren möchtest, wie du diesen Dienst unterstützen kannst, dann nimm Kontakt mit uns auf über judenfuerjesus.de.

Wenn du jüdische Freunde hast und dir wünschst, dass jemand mit ihnen ins Gespräch kommt – genau das tun wir. Wenn dein jüdischer Freund oder deine jüdische Freundin offen für ein Gespräch ist, nehmen wir gerne Kontakt auf. Ganz egal, wo diese Person lebt. Du kannst einfach sagen: „Ich habe einen jüdischen Freund.“ Und wir kümmern uns darum. Genau das machen wir gern.

1. Möchtest du das gesamte Gespräch sehen? Hier findest du das Originalinterview mit Aaron Abramson bei Mission Matters: https://www.youtube.com/watch?v=_i7oQ7zdWxg

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