Die Dreyfus-Affäre lebt weiter

1894 machte sie antisemitische Strömungen sichtbar, die bis heute nicht verschwunden sind

In diesem Jahr (2025) hat die französische Nationalversammlung einstimmig beschlossen, Alfred Dreyfus posthum zum Brigadegeneral zu befördern. Ebenfalls in diesem Jahr eröffnete das Museum für Kunst und Geschichte des Judentums in Paris eine Ausstellung mit dem Titel „Alfred Dreyfus: Wahrheit und Gerechtigkeit“.¹

Warum dieses neue Interesse an einem jüdischen Offizier, der in den 1890er Jahren in der französischen Armee diente? Wahrscheinlich, weil die Dreyfus-Affäre ein stark polarisierendes Ereignis war, das antisemitische Strömungen in Frankreich und in der westlichen Gesellschaft um die Wende zum 20. Jahrhundert sichtbar machte. Und diese Strömungen gewinnen heute wieder an Kraft – nicht zuletzt in Frankreich selbst.

Für alle, die mit der Dreyfus-Affäre nicht vertraut sind: Es ist eine fesselnde Geschichte:

Im Jahr 1894 wurde Hauptmann Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier der französischen Armee, zu Unrecht des Verrats verurteilt. Man beschuldigte ihn, militärische Informationen an die Deutschen weitergegeben zu haben. Als Jude wurde er schnell zum Ziel von Verdächtigungen. Antisemitische Zeitungen und politische Gruppen nutzten den Fall, um Hass zu schüren, und stellten Juden als illoyale „Fremde“ innerhalb Frankreichs dar.

Schon bald stellte sich heraus, dass Dreyfus hereingelegt worden war. Der eigentliche Täter war ein gewisser Major Ferdinand Esterhazy. Doch die Gerechtigkeit setzte sich nicht durch. Dreyfus wurde in die Verbannung geschickt – in Einzelhaft auf der Teufelsinsel vor der Küste Südamerikas. Ein düsteres Schicksal.

Die Dreyfus-Affäre, wie man sie später nannte, spaltete Frankreich tief. Die „Dreyfusards“ standen den „Anti-Dreyfusards“ gegenüber – und machten einen Antisemitismus sichtbar, der tief in der französischen Gesellschaft verwurzelt war.

Dann, im Jahr 1898, schrieb der Schriftsteller Émile Zola einen offenen Brief an den Präsidenten Frankreichs, in dem er Dreyfus verteidigte. Der Brief erschien in großen, auffälligen Buchstaben auf der Titelseite der Zeitung L’Aurore. Für seinen Einsatz wurde Zola etwas mehr als einen Monat später wegen Verleumdung verurteilt und floh nach England. Gegen ihn häuften sich Todesdrohungen. Vier Jahre später wurden er und seine Frau unter sehr verdächtigen Umständen tot in ihrer Wohnung aufgefunden.

Unterdessen wurde Dreyfus 1899 erneut vor Gericht gestellt – und wieder schuldig gesprochen! Diese komplizierte Geschichte endete erst 1906, als Dreyfus schließlich vollständig von allen Vorwürfen freigesprochen wurde.

Wir leben wieder in einer Zeit, in der der Antisemitismus zunimmt.

Die Dreyfus-Affäre könnte sogar meine eigene Familie berührt haben. Meine Urgroßmutter Marie wurde etwa 1884 in Paris geboren. Sie lebte im jüdischen Viertel Le Marais, das ich vor einigen Jahren besucht habe – vergeblich auf der Suche nach ihrem damaligen Wohnhaus. Sie war ungefähr zehn Jahre alt, als Dreyfus verurteilt wurde, und elf, als er auf die Teufelsinsel gebracht wurde. Bis 1902 war sie aus Frankreich in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Hat sie den Ozean überquert und eine neue Sprache gelernt wegen des zunehmenden Antisemitismus? Ich weiß es nicht. In der Familie hat nie jemand darüber gesprochen.

Wir leben wieder in einer Zeit, in der der Antisemitismus zunimmt. Der Auslöser – oder besser gesagt der Vorwand – ist heute nicht mehr ein Offizier der französischen Armee, sondern der Staat Israel. In fünfzig Jahren wird es wahrscheinlich etwas anderes sein. Eigentlich ist es eher die Ausnahme, wenn Juden wenig oder gar keinen Antisemitismus erleben.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird oft als ein „goldenes Zeitalter“ für Juden in Amerika beschrieben. In genau dieser Zeit bin ich aufgewachsen. Als ich Anfang der 70er Jahre an der Syracuse University studierte, habe ich dort praktisch keinen Antisemitismus erlebt. Der Campus war ein sicherer Ort für Juden. Wir gingen zu Hillel nicht, um Schutz zu suchen, sondern einfach, weil es ein Ort war, an dem Juden zusammenkommen konnten.

Ganz anders war es bei meinem Großvater. Er war Zahnarzt, und in der Familie hat man immer gesagt, dass er eigentlich Arzt werden wollte, aber „nicht gut genug“ gewesen sei. Er studierte in den 1920er Jahren – damals gab es feste Quoten, die genau bestimmten, wie viele Juden überhaupt an Universitäten aufgenommen wurden. Es war also sehr wahrscheinlich nicht seine Leistung, die das Problem war, sondern dieses Quotensystem, das ihm den Weg zum Medizinstudium versperrt hat.

Heute gibt es keine Quoten mehr und auch keine Ausschlüsse aus Clubs. Den „höflichen“ Antisemitismus von damals gibt es so nicht mehr. Was wir heute erleben, ist etwas anderes – etwas Gefährlicheres: eine Atmosphäre der Angst, besonders an Universitäten; körperliche Angriffe auf Juden und ihre Gebetsstätten; die Dämonisierung Israels, die sehr schnell in eine Dämonisierung von Juden weltweit übergeht; und Angriffe auf die Häuser jüdischer Amtsträger.

Einige Beispiele: Im Jahr 2018 wurde Mireille Knoll, eine 85-jährige Holocaust-Überlebende, in ihrer Wohnung in Paris getötet. Sie wurde mehrfach mit einem Messer attackiert und danach angezündet.

Im selben Jahr erschoss ein Attentäter in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh, Pennsylvania, elf jüdische Beter und verletzte sechs weitere. Es war der tödlichste Angriff auf eine jüdische Versammlung in der Geschichte der USA.

In diesem Jahr wurde das Haus des Gouverneurs von Pennsylvania, Josh Shapiro, an Pessach von einem Brandstifter in Brand gesetzt.

Ein paar Wochen später wurden zwei junge Mitarbeiter der israelischen Botschaft, Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim, kaltblütig erschossen, als sie das Jüdische Museum in Washington, D.C. verließen. Später stellte sich heraus, dass Yaron ein jüdischer Gläubiger an Jesus war und mit mehreren unserer Mitarbeiter in Israel befreundet war.

Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen. Aber die entscheidende Frage ist jetzt: Kann uns die Dreyfus-Affäre heute noch etwas lehren – gerade in einem Jahr, in dem Alfred Dreyfus endlich die Anerkennung bekommt, die ihm so lange verweigert wurde? Ich glaube: ja.

Zum einen leben überzeugte Antisemiten heute in derselben Gesellschaft wie Menschen, die Freunde des jüdischen Volkes sind – genauso wie in den 1890er Jahren die Dreyfusards und die Anti-Dreyfusards Seite an Seite lebten. Das bedeutet: Wenn diese Freunde ihre Stimme erheben, kann das einen echten Unterschied machen.

Es braucht Mut, sich klar an die Seite jüdischer Freunde zu stellen.

Wer dem jüdischen Volk zur Seite stehen will, kann dem Beispiel von Émile Zola folgen. Du kannst Leserbriefe an lokale oder überregionale Zeitungen schreiben und dich für jüdische Menschen einsetzen – besonders dann, wenn Antisemitismus in den Nachrichten ist. Vielleicht landen diese Texte nicht groß auf der Titelseite, aber gerade jetzt sind solche Stimmen dringend nötig. Du kannst auch ganz persönlich Unterstützung zeigen – gegenüber jüdischen Freunden oder Kollegen. Eine Grußkarte zu Pessach oder Rosch Haschana kann viel bedeuten. Oder einfach ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee, in dem du fragst, wie es ihnen in dieser Situation geht.2

In dieser aufgeheizten Atmosphäre von Hass müssen diejenigen, die sich klar an die Seite des jüdischen Volkes stellen, damit rechnen, selbst angegriffen zu werden. „Canceln“ und sogar Morddrohungen in sozialen Medien sind leider keine Seltenheit mehr. Es braucht Mut, sich solidarisch zu zeigen – mit jüdischen Freunden, Nachbarn, Synagogen und der jüdischen Gemeinschaft insgesamt.

Es dauerte zwölf Jahre, bis Alfred Dreyfus vollständig von den manipulierten Anschuldigungen freigesprochen wurde. Wir beten, dass es diesmal nicht wieder so lange dauert, bis die Stimmen gegen Antisemitismus wirklich gehört werden.

  1. Auf Französisch heißen das Museum und die Ausstellung: Musée d’Art et d’Histoire du Judaïsme und „Alfred Dreyfus: Vérité et Justice“.
  2. Weitere Ideen findest du in unserem Artikel über 9 Wege um Antisemitismus zu bekämpfen.

Foto: Avi1111 (Dr. Avishai Teicher), Monument Dreyfus (Tel Aviv) (30. Nov 2018), CC BY-SA 4.0.

Noch unsere Anmerkung: Es gibt auch einen bewegenden Spielfilm von Roman Polanski über die Dreyfus-Affäre mit dem deutschen Titel „Intrige“ (Originaltitel: J’accuse).

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